So. Dez 8th, 2019

Dortmund hat’s, Berlin kriegt’s, Essen braucht’s – ein Hochhauskonzept!

Es gab eine Zeit, in der Essen stolz war auf seine bescheidene Skyline. Anders als die anderen Städte in der größeren Nachbarschaft gab und gibt es in Essen nämlich eine erkleckliche Zahl von Hochhäusern – keineswegs wirklich riesig, weit entfernt von den Wolkenkratzern globaler Metropolen, aber immerhin eine anständige Hochhauskulisse, die dem Ruf und Selbstverständnis der Stadt entsprach, der Mittelpunkt der Region zu sein.

Doch mit dem Mittelpunkt ist es nicht mehr so weit her – Düsseldorf und Dortmund sind längst in Bezug auf Zahl der Bewohner*innen an Essen vorbeigezogen. Die Zahl der DAX-Konzerne geht laufend zurück, die Wirtschaftskraft ebenfalls. Da passt es ins Bild, dass in den letzten Jahren mehrere Hochhäuser – überwiegend aus der Zeit der Nachkriegsmoderne – verschwunden sind. Die Skyline ist löchrig geworden.

Und da tauchen – reichlich unverhofft, im doppelten Wortsinn – zwei Hochhäuser auf, die reichen, um eine ziemlich kleine Debatte anzufachen. Obwohl beide Häuser – das in der Huyssenallee und das in der Steeler Straße – nur „kleine“ Hochhäuser mit knapp 60 Meter Höhe sind und damit an anderer Stelle im Schatten echter Hochhäuser stünden, entzündet sich an ihnen der Unmut der sich zu Wort meldenden Stadtgesellschaft (zum Vergleich: das Essener Rathaus ist mit 106 Metern deutlich höher). Mit dem Hochhäuschen in der Huyssenallee wurde allen Ernstes die Gefahr einer Gettobildung gesehen. Das Hochhaus in der Steeler Straße, das sich als schlanke Scheibe mit einer klaren Rasterung präsentiert, wird als die historische und zweifelsohne bedeutsame Nachbarbebauung (mit Synagoge und Kirche) erdrückend abgelehnt.

Hier ist nicht der Platz, in eine – offensichtlich dringend notwendige – Debatte um Architektur und Städtebau im 21. Jahrhundert zu treten. Hier soll lediglich dafür plädiert werden, dass die Stadt die beiden genannten Beispiele und die darob entfachte Debatte zum Anlass nimmt, ein Konzept zu entwickeln, das den Titel „Essen 2050“ tragen könnte und dessen zentraler Bestandteil eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit Hochhäusern zu sein hätte. Diese Fragen wären dort zu beantworten: Will die Stadt Essen neue Hochhäuser? Wenn ja, wo sollen sie stehen dürfen und wie sollen sie aussehen? Wie hoch dürfen sie sein und welche Nutzungen können sie beherbergen? Welche Widerstände sind zu bedenken und wie ist damit umzugehen? Welchen Beitrag sollen und können sie leisten für einen zukunftsfähigen Städtebau? Kurz: Ist Essen in der Lage, sich im Hochbau auch anders zu denken als es die allermeisten Neubauvorhaben nahelegen, nämlich maximal drei- bis fünfgeschossig?

Dieses Konzept gäbe der Stadtgesellschaft die Möglichkeit, sich in einem zukunfts- und ergebnisoffenen Prozess einzubringen. In Dortmund gibt es übrigens seit mehr als zwanzig Jahren ein Hochhauskonzept, in dem ganz klar steht, wo und wo nicht Hochhäuser stehen dürfen und auch stehen sollen. In Berlin wird ganz aktuell ein solches Konzept entwickelt, vor allem aufgrund des steigenden Drucks auf den Märkten und den „internationalen Investoren“, die mit den Füßen scharren. In München, wo im letzten Jahrtausend der Beschluss gefasst wurde, kein Haus höher zu bauen als die Türme der „Frauenkirche“ (mit 99 Metern höher als die allermeisten Hochhäuser in Essen), wird seit einiger Zeit ernsthaft darüber diskutiert, ob dieser Beschluss heute noch trägt und ob es nicht an ausgewählten Standorten der topfebenen Stadt nicht doch Hochhausensembles geben könnte – auch um städtebauliche Akzente zu setzen, die einerseits das Bild einer modernen und mutigen Stadt transportieren, andererseits das baukulturelle Erbe respektieren und keine Blickachsen verstellen.

Immerhin diesen Vorteil hat Essen gegenüber München (oder Köln): Hier gibt es kaum baukulturelles Erbe, das von neuen Hochhäusern negativ berührt werden könnte.

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