Donnerstag, 1. Oktober 2020

Lügen mit Statistik

Mit den jüngsten Zahlen zur Einkommenssituation erfahren wir, dass Essen zu den wenigen Städten zählt, in denen das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen zurückgegangen ist. Mit knapp über 20.000 Euro erreicht Essen noch nicht einmal den bundesdeutschen Durchschnitt.

Als ob das nicht schon problematisch genug wäre, verschleiert diese Zahl doch mehr als sie erklärt.

Denn tatsächlich würde dieses Einkommen für die allermeisten Menschen eine echte Verbesserung bedeuten. Hochgerechnet auf eine durchschnittliche Haushaltsgröße von 1,8 hieße das nämlich, dass das durchschnittliche monatliche Haushalts-Netto-Einkommen bei gut 3.000 Euro läge. Eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern würde demnach über ein monatliches Netto-Einkommen in Höhe von 6.700 Euro verfügen.

Allein diese wenigen Zahlen zeigen deutlich, dass die kommunizierten Einkommen nichts mit der Lebenswirklichkeit der allermeisten Menschen zu tun haben.

Statt des verwendeten arithmetischen Durchschnitts müsste der Median zugrunde gelegt werden. Dass dieser Wert aber in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vom Statistischen Bundesamt nicht errechnet wird, gibt einen Hinweis auf die Reichtumsblindheit der auf Gesetzen beruhenden amtlichen Statistik.

Zur Erläuterung: Das arithmetische Mittel wird errechnet, indem alle Einkommen von allen Menschen zusammengeworfen und dann durch die Anzahl der Menschen geteilt werden. Wenn also 1.000 Menschen nichts dazu tun (weil sie über kein Einkommen verfügen, z.B. weil sie Kinder sind) und ein Mensch eine Million in den Hut wirft, dann haben im Durchschnitt alle ca. 1.000 Euro.

Ob in diesem Wert die Einkünfte angemessen berücksichtigt sind, die nicht aus Arbeit, sondern aus Immobilien oder anderen Anlagen stammen, bleibt darüber hinaus unklar. Es gibt Hinweise, dass solche Einkommensformen systematisch unterschätzt werden.

Der Median wird im Unterschied zum arithmetischen Mittel gebildet, indem alle Einkommen von allen Menschen je für sich erfasst werden. Statt alles auf einen Haufen zu werfen, liegt also bildlich vor jedem Menschen der je eigene Einkommens-Haufen. Nun wird die Gesamtgruppe in genau zwei Hälften geteilt. Der Median entspricht dann dem Wert, den die eine Hälfte (gerade noch) erreicht und die andere Hälfte nicht. Jeder Ausreißer wird so eingefangen.

Um ein Beispiel zu nennen: 1.000 Menschen haben kein Einkommen, 1.000 Menschen haben je 1.000 Euro, 1.000 Menschen haben je 2.000 Euro und 1.000 Menschen haben je 8.000 Euro. Das arithmetische Mittel würde behaupten, dass jeder Mensch im Durchschnitt ein Einkommen von 2.750 Euro hätte. Der Median läge aber nur bei 2.000 Euro – ein Unterschied von 37,5%, der in der Wirklichkeit sogar noch größer ausfallen dürfte.

Das heißt nichts anderes, als dass das arithmetische Mittel die verfügbaren Einkommen notorisch und strukturell überschätzt.

Weiterhin: Es handelt sich um Einkommen, nicht um Vermögen. Der Wert berücksichtigt also überhaupt nicht, dass es in Essen nicht nur Einkommensmillionäre, sondern erst recht Vermögensmillionäre gibt. Wie erst kürzlich zu lesen war (vgl. Bundesbank, Monatsbericht April 2019), beträgt das durchschnittliche Haushaltsnettovermögen (also Vermögen nach Abzug von Schulden und Verbindlichkeiten) gemäß einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Bundesbank um die 233.000 Euro. Der Median-Wert beträgt hingegen nur knapp 71.000 Euro (ebd., S. 14 und 21).

Dieser große Unterschied zwischen Median und arithmetischem Mittel zeigt vor allem die außerordentlich starke Ungleichverteilung. Je näher die beiden Werte zusammenliegen, desto gleicher ist das Vermögen verteilt. Je weiter, desto ungleicher.

Ein Haushalt, der über mehr als 555.000 Euro Vermögen verfügt, gehört zu den reichsten zehn Prozent. Ein Vermögen von ungefähr 870.000 Euro macht einen Haushalt zu einem Angehörigen der reichsten fünf Prozent (ebd., S. 14 und 22). Das sind wohlgemerkt Median-Werte, in denen die Ausreißer eingefangen sind und es handelt sich um Vermögen, das sich aus allen Quellen speist, also auch z.B. Immobilieneigentum erfasst.

Der Abstand der reichsten zehn Prozent zum Median-Durchschnitt ist also enorm. Dazu die Deutsche Bundesbank im o.g. Monatsbericht: 

„Ein … Maß für die Ungleichheit einer Verteilung ist das Verhältnis des neunzigsten Perzentils zum Median. Je höher dieser Wert ist, desto stärker müsste das Nettovermögen der Haushalte in der Mitte der Verteilung ansteigen, damit diese zu den 10 % der vermögendsten Haushalte gehören. Die Grenze zwischen den vermögendsten 10 % und dem Rest der Haushalte ist für das Nettovermögen etwa achtmal so hoch wie der Median. Zum Vergleich: Im Euroraum insgesamt lag dieses Verhältnis im zuletzt verfügbaren Jahr 2014 bei einem Wert von fünf“ (ebd., S. 15f).

Die reichsten zehn Prozent verfügen nach dieser Quelle über 55% des gesamten gesellschaftlichen Nettovermögens. Da sich alle genannten Werte auf das Jahr 2017 beziehen, sind die fortschreitenden Preissteigerungen bei Immobilien noch gar nicht abgebildet, die ja nur denen zu gute kommen, die über Immobilienbesitz verfügen.

Dazu die Deutsche Bundesbank: „Immobilienbesitz ist ein guter Indikator für die Höhe des Vermögens von Haushalten. Haushalte, die in einer in eigenem Besitz stehenden Immobilie leben, haben deutlich höhere Nettovermögen als Mieterhaushalte. Der Median des Nettovermögens für Eigentümerhaushalte lag im Jahr 2017 bei 277 000 €. Für Mieterhaushalte ergibt sich dagegen ein Medianwert von lediglich rund 10 400 €“ (ebd.).

Etwa 80% der Essener Haushalte sind Mieter-Haushalte. Ihr statistisches Netto-Vermögen bewegt sich demzufolge im niedrigen zweistelligen Bereich. 

Tatsächlich sind die Vermögen der allerreichsten Haushalte so gigantisch, dass sie von dieser Vermögensverteilung nicht im Ansatz abgebildet werden.

Aber beim Einkommen wird der arithmetische Durchschnitt genommen, der das Einkommen der Mehrzahl der Menschen systematisch überschätzt. Beim Vermögen wird dagegen der Median genommen, der das Vermögen der reichsten Menschen systematisch unterschätzt. 

Wem fällt da was auf?

Essen hat nicht nur ein Einkommens-, sondern auch ein Vermögensproblem und das Problem, dass die kommunale Politik davon nichts wissen will.

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