Freitag, 27. November 2020

Steiger Award in Essen: Für nix und wieder nix (Teil 2)

Wer ist dieser Hellen?

Exklusiv im Essener-Morgen-online: Der zweite Teil unserer Story über den großen Zampano der Events im Ruhrgebiet.

Sein Name steht in Verbindung mit etlichen Skandalen in Bochum. „Er hat es in beeindruckender Manier in den letzten 15 Jahren immer wieder geschafft, die Eitelkeiten der führenden SPD-Leute in Bochum und der Vorstände von Stadtwerken und Sparkasse für fragwürdige Geschäfte, d. h. vor allem für Veranstaltungsformate zu instrumentalisieren.“ (bo-alternativ). Später distanzierte sich die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz von ihm mit den Worten: „Herr Hellen hat meines Erachtens … Sorgfaltspflichten in der Abwicklung vernachlässigt und  konnte bis heute nicht einwandfrei  und widerspruchsfrei nachweisen, wie Gelder, die an ihn gegangen sind, verwendet wurden.“

Dazu musste allerdings der erste Skandal um Hellen und seine von städtischen Bochumer Unternehmen mit rund 1,4 Millionen Euro gesponserten sinnfreien Veranstaltungen platzen: Die berühmte Steinbrück-Honorar-Affäre. 2012 musste der damalige SPD-Kanzlerkandidat seine Einkünfte offenlegen. Dabei kam heraus, dass er für zwei Stunden Rumsitzen auf einer von Hellen organisierten Couch beim so genannten „Atrium-Talk“ der Bochumer Stadtwerke sage und schreibe 25.000 Euro erhalten hatte! Laut Darstellung der Stadtwerke hatte Hellen versichert, Steinbrück würde sein Honorar für einen wohltätigen Zweck spenden, er hatte aber offenbar vergessen, seinerseits Steinbrück von dessen wohltätigen Absichten in Kenntnis zu setzen.

Die Liste der Hellen-Affären, Skandale, Konkurse, Geld-Unregelmäßigkeiten ist lang, liest sich aber spannend wie ein Krimi:

Noch vor der Steinbrück-Affäre war es ihm gelungen, eine der größten Demonstrationen in Bochum gegen seinen Plan ins Leben zu rufen, Recep Tayyip Erdoğan einen Steiger-Award in die Hand zu drücken. Ausgerechnet Erdoğan für die „Steiger-Tugenden“ (wir erinnern uns: Geradlinigkeit, Offenheit und Toleranz) auszuzeichnen, löste bei Armeniern, Kurden und Aleviten und anderen türkischen Oppositionellen Fassungslosigkeit aus. Über 30.000 Menschen demonstrierten dagegen.

Kaum hatten sich da die Wogen einigermaßen geglättet, gab es eine Hausdurchsuchung: Es wurde wegen des Verdachts des Betruges gegen ihn ermittelt. Die Soziale Liste schreibt: „Mit rund 1,4 Mio. Euro haben die Stadtwerke Veranstaltungen der Hellen Medien Projekte GmbH und Sascha Hellen finanziert und gesponsert. Auf rund 250.000 Euro belaufen sich derzeitig die Rückforderungen der Stadtwerke an Hellen wegen nicht erbrachter bzw. nicht nachgewiesener Leistungen.“

So war z.B. ein Auftritt von Schauspieler Mario Adorf im Jahr 2008 zwar abgesagt, aber dennoch bezahlt worden. Dem WDR „liegt ein Bericht von Wirtschaftsprüfern vor, demzufolge 10.000 Euro als Honorar geflossen waren, obwohl Adorf die Talkrunde wegen Krankheit abgesagt hatte.“

Sehr schön auch die Geschichte, als Hellen in seinem Telefonbuch die Nummer von Paul McCartney fand und den Stadtwerken versprach, er werde den Ex-Beatle zu einem Konzert nach Bochum verpflichten. Worauf die Stadtwerke – gläubig wie immer – erhebliche Geldbeträge zur Verfügung stellten. Trotz der leicht rassistischen Tendenz sei dazu ein Zitat der WAZ widergegeben: „Drei Vorauszahlungen (113.000 Euro) waren seit 2009 erfolgt. Hellen will ein Teil des Geldes in London im Briefumschlag bar an einen pakistanischen McCartney-Verbindungsmann übergeben haben. Dass das Konzert bis heute nicht stattfand, führt Hellen-Anwalt Heinz Ansorge auf die Presseberichte über die Stadtwerke-Affäre 2012 zurück.“

Und der WDR berichtete: „Nachdem die Stadtwerke Bochum ihre Zusammenarbeit mit Promi-Vermittler Sascha Hellen beendet haben, will die Sparkasse erstmal weiter an ihm festhalten. Konkret geht es dabei um ein schon lange geplantes Konzert von Ex-Beatle Paul McCartney, für das es aber noch keinen Termin gibt. Die Sparkasse Bochum will jetzt bis Ende Februar wissen, ob McCartney definitiv 2013 nach Bochum kommen wird oder nicht. Solange wolle man Hellen und seiner Agentur Zeit geben. Ansonsten würden Verträge gekündigt und Geld zurückgefordert, schreibt die Sparkasse in einer Stellungnahme. Wieviel Geld die Sparkasse schon an Hellen überwiesen hat, wollen die Verantwortlichen nicht sagen. Die Stadtwerke hatten ihren Vertrag über das Konzert vergangene Woche gekündigt und 95.000 Euro Vorauszahlung zurückgefordert.“

2017 meldete Hellen mit seiner Veranstaltungsagentur Insolvenz an, somit dürften sich die Rückforderungen erledigt haben. Wer zahlt also? Der Stadtwerke-Kunde und der Steuerzahler!

All das hinderte unseren Promivermittler nicht daran, inzwischen mit dem Steiger-Award weiterzumachen und selbst in Bochum noch weitere Veranstaltungen durchzuziehen, wozu „bo-alternativ“ verzweifelt anmerkt: „Die Verantwortlichen der Stadt Bochum zeichnen sich durch eine beeindruckende Lernunfähigkeit aus. Sie sind wieder einmal auf Sascha Hellen reingefallen.“ Denn nun mietete er im Namen oder eben nicht im Namen eines Vereins „Herausforderung Zukunft e.V.“, für den er aber nicht zeichnungsberechtigt war, einen Raum an, damit Armin Laschet ein paar Worte zum Aspekt „Herausforderung Zukunft“ sagen sollte. Schließlich fragte ein SPD-Ratsherr, wer denn nun gemietet habe und wie es denn mit der Zahlung bestellt sei. Die Antwort der Verwaltung: „Herr Hellen hat den Nutzungsvertrag persönlich unterzeichnet. Dadurch übernimmt er unabhängig von der vereinsinternen Regelung zur Vertretungsbefugnis für den Verein die persönliche Haftung für die Zahlung der jeweils fälligen Entgelte. Die Forderung ist mit Stand 21.03.2019 noch nicht bezahlt und befindet sich im Verwaltungszwangsverfahren.“

Und Hellen wäre nicht Hellen, wenn es denn nun in Essen ohne Zahlungsprobleme oder Unregelmäßigkeiten abgegangen wäre. So schrieb die WAZ kurz vor der Veranstaltung: „Doch hinter den Kulissen gibt es eine Woche vor dem geplanten Termin heftige Querelen.“ Was war da los? „Nach Angaben der Grand Hall Zollverein-Geschäftsführung hat Hellen nämlich schon vor Monaten einen Vertrag mit der auf Großveranstaltungen spezialisierten Zollverein-Location abgeschlossen“, so die WAZ weiter. „Dort habe man allerdings auf Vorkasse bestanden, erklärt Geschäftsführer Tom Koperek. Die Zahlung in sechsstelliger Höhe sei Hellen trotz mehrfacher Mahnung bis Freitag … schuldig geblieben. Umso überraschter zeigte sich Koperek am Freitag von der plötzlichen Verlegung ins Casino Zollverein.“ Man kann der Grand Hall Zollverein-Geschäftsführung nur zu ihrer Weitsicht gratulieren, auf einer Vorauszahlung zu bestehen. Wer weiß, ob das Geld sonst nicht vielleicht wieder bei einem pakistanischen Zwischenhändler verschwunden wäre …

Wie auch immer: Das Zollverein-Casino jedenfalls scheint bezahlt worden zu sein. Auch sonst weiß man bisher von keinen neuerlichen Skandalen. Wenn man mal von jenem absieht, dass unser Oberbürgermeister mit einem Geschäftsmann verbandelt ist, für den das Wort „unseriös“ geschmeichelt wäre: Ein dubioser, in zahlreiche Skandale und Pleiten verwickelter Eventmanager flieht vor seinem Ruf durchs halbe Ruhrgebiet und bietet seine sinnlose Preisverleihung an wie sauer Bier. Niemand will sie, die sinnlose Promi-Parade, niemand ihn, den Promi-Verleiher mit den großen Taschen. Nicht mal mehr die Bochumer, die immer wieder auf ihn reingefallen sind. Wo findet er Asyl? Natürlich in Essen!

Und so steht zu befürchten, dass er nach diesem „erfolgreichen“ Einstand erst richtig loslegen und sich ausbreiten wird wie ein Ölteppich. Unsere Stadt ist geradezu prädestiniert für ein solches Vorgehen. Die Eitelkeiten unserer Provinzpolitiker, denen man schmeicheln kann, sind genauso Legion wie die Minderwertigkeitskomplexe, die es zu kompensieren gilt. Also könnte man sich auch hier wunderbar sinnlose Formate vorstellen: „Der Natrium-Talk“ auf dem ehemaligen Coca-Cola-Gelände, „das kalte-Füße-Treffen ohne Heizung“ im Sanaa-Würfel auf Zollverein und schließlich „der Ab-Steiger des Jahres“ aus dem 23. Stock des Rathauses. Im Hinblick auf Olympia wäre das RWE-Stadion eine Super-Location: „Herausforderung Zukunft: Haushalts-Tricksereien“.

Mit ein bisschen Geschick lassen sich vielleicht auch – wie in Bochum – Stadtwerke und Stadtsparkasse, vielleicht auch die Allbau, dazu bewegen, den ganzen Un-Sinn zu sponsern. Damit wäre auch Essen mal auf dem Weg zu einem ordentlichen Skandal und böte so eine grandiose Gelegenheit für OB Kufen, endlich auch prominent zu werden. Sicher steht er schon jetzt im Promi-Telefonverzeichnis von Sascha-Hellen. Direkt neben Paul McCartney. Bzw. dessen pakistanischem Freund. So genau weiß man das nicht.

Kleiner Treppenwitz am Rande: Hellen muss in der Tat über die außerordentliche Gabe verfügen, Promis einzuwickeln, denn ausgerechnet Gregor Gysi moderierte bis März 2018 die von Hellen organisierte, mittlerweile eingestellte Talkshow-Reihe in Bochum. Wir werden Gregor von unseren Recherchen in Kenntnis setzen.

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