Samstag, 28. November 2020

Soziale Arbeit in Zeiten von Corona- ein Berufsfeld in der Krise

Sozialarbeiter:innen bekommen auch während der gegenwärtigen Krise keine Aufmerksamkeit in Gesellschaft und Politik. Wieso Einrichtungen der Sozialen Arbeit im Gegensatz zu Schulen und Kitas viel weniger beachtet werden und wieso sie selbst Mitschuld daran tragen, erläutert dieser Artikel am Beispiel der Stadt Essen.

Im Zuge der Covid 19 Schutzmaßnahmen wurden erst alle Kitas und Schulen geschlossen und nun wieder, mal mehr, mal weniger, geöffnet. Der Fokus der Berichterstattung richtet sich auf diese beiden sozialen Einrichtungen. Zu Recht sorgen sich Politik und Öffentlichkeit um die Betreuung der Kinder und vor allem um die Bildung der Schüler:innen.

Die Situation von Eltern, die zuhause überfordert mit der Gesamtsituation aus Betreuung, Bespaßung und Beschulung ihrer Kinder sind, zeigt deutlich, welche enorm wichtige Aufgabe Erzieher:innen und Lehrer:innen in unserer Gesellschaft übernehmen.

Bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung für diese Berufsgruppen sind daraus jedoch nicht resultiert. Die Überforderung der Eltern wurde stattdessen als Argument dazu genutzt, die oben genannten Einrichtungen schneller wieder zu öffnen.

Der wahre Grund dafür ist aber vielmehr die fehlende Betreuung der Kinder, weil viele Elternteile durch die Öffnung des Einzelhandels gezwungen werden, wieder arbeiten zu gehen. Die kapitalistische Maschine muss eben um jeden Preis weiterlaufen, das zeigt sich hier als oberstes Ziel der Regierung erneut deutlich.

Soziale Arbeit als Profession

Es ist nun wichtig, soziale Arbeit als Berufsfeld, oder treffender als Profession, in Zeiten von Corona kritisch zu betrachten. Denn Soziale Arbeit und Sozialarbeiter:innen kommen momentan überhaupt nicht im öffentlichen Diskurs vor.

In einem Radiointerview schildert eine Sozialarbeiterin das, was auch schon vor der Krise klar war, und jetzt noch schmerzlicher deutlich wird. Sozialarbeiter:innen sind unsichtbar, weil sie für die Menschen einstehen, die keine Lobby haben.

Dabei stützen Sozialarbeiter:innen unsere Gesellschaft auch dann, wenn keine Krise ist. Ohne Soziale Arbeit sähen vor allem Großstädte ganz schön alt aus, da sozialarbeiterische Maßnahmen oft das Gegengewicht zu der von den herrschenden Kräften betriebenen Law & Order Politik darstellen.

Der Arbeitsalltag der meisten Sozialarbeiter:innen ist während der Krise geprägt durch Absagen von Arbeitskreisen und Gruppenangeboten, geschlossenen Bürger:innenbegegungszentren und Homeoffice. Schnell wurden erste Ideen entwickelt, digitale Ausweichmöglichkeiten für Arbeitskreise, Beratungen oder Begegnungen zu finden.

Mühlen der Bürokratie

Bis diese Ideen jedoch zur Umsetzung kommen, bedürfen sie immer der ausgiebigen rechtlichen Überprüfung durch die Träger oder die Stadtverwaltung. Doch da taten sich in der aktuellen Lage schnell viele Lücken auf.

Die völlige Ahnungslosigkeit der Kommunen bezüglich der Umsetzung digitaler Lösungen, rechtliche Einschränkungen, keine flexiblen Ansätze auf Seiten der städtischen Einrichtungen oder der freien Jugendhilfeträger.

Offen bleibt die Frage: Wie soll Soziale Arbeit auf Distanz zum Menschen funktionieren? Die Antwort scheint ganz einfach, nämlich gar nicht. Wir Menschen sind soziale Wesen und als solche auf soziale Kontakte angewiesen.

Man kann also die Menschen, die auf soziale Arbeit angewiesen sind, nicht einfach im Regen stehen lassen. Doch die Stadt Essen hat bis heute keine Strategien, weder für die Krise, noch dafür, wie ein Weg aus der Krise aussieht.

Tatsächlich erreichen digitale Angebote nur eine bestimmte, digital erprobte Gesellschaftsgruppe und eben nicht die Menschen, die am meisten unter der Krise und den Kontaktbeschränkungen leiden. Zum Beispiel die Familie, die zu fünft auf 70qm lebt, während das Youtuber-Vorbild der Kinder aus der Villa mit vier Badezimmern lächelnd verspricht, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Also, wie die erreichen, die auch ohne Krise schon quasi unerreichbar für jegliche soziale Unterstützung waren? Alte Menschen, ohne das gewisse Kleingeld für Laptop, Handy und Co.? Die Kinder aus Rumänien und Bulgarien, die unter normalen Bedingungen schon öfter im Stadtteilzentrum als in der Schule sind, weil sie da immerhin akzeptiert werden?

Die Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, und die warten mussten, bis es endlich Übersetzungen der Schutzmaßnahmen auch in ihrer Sprache gab? Übrigens, diese Übersetzungen gab es in Essen dann zuerst nicht von städtischer Seite, sondern von ehrenamtlichen Organisationen.

Kein Konzept

Die Stadt Essen hat an dieser Stelle und an allen weiteren Stellen im sozialen Bereich kein Konzept für die allumfassende Krise. Wenn Schritte gefunden wurden, kamen diese viel zu spät. Rechtliche Prüfungen für einen digitalen, wöchentlich stattfindenden Nachbarschaftstreff dauerten viel zu lange, solange, bis alle genug von Zoom-Konferenzen und Co. hatten. Die Bürokratie muss nicht nur an dieser Stelle endlich schneller und bürger:innennaher funktionieren!

Viel deutlicher zeigt sich die Überforderung der Verantwortlichen in Rat und Verwaltung aber in dem Weg aus der Krise. Es gab und gibt keine Schritte, keine Handlungsempfehlungen für Sozialarbeiter:innen vor Ort, wie es schrittweise wieder in den Normalbetrieb gehen soll. Dabei brauchen die Adressat:innen, also die Menschen, die Soziale Arbeit in all ihrer Form brauchen und nutzen, noch viel mehr eine Perspektive, wie es weiter gehen soll!

Gerade die Adressat:innen Sozialer Arbeit sind in der jetzigen Situation vor große Herausforderungen gestellt. Dazu gehören Menschen, die von Drogensucht betroffen sind und keine Beratungsstellen mehr aufsuchen können oder Menschen mit Behinderungen, die wochenlang keinen Besuch empfangen oder vor die Tür gehen können und gleichzeitig aufgrund von Mehrfacherkrankungen vermehrt zur Risikogruppe gehören.

Sexarbeiter:innen können keine Unterstützungs- oder Aufklärungsstellen mehr aufsuchen, weil alles ohne Alternativen geschlossen hat. Die Stadt hat die Beratungsangebote im Gesundheitsamt für Sexarbeiter:innen bis auf weiteres eingestellt und ein Sexarbeits-Verbot auf dem sogenannten ‚Straßenstrich‘ ausgesprochen. Natürlich müssen Sexarbeiter:innen trotzdem weiterhin Geld verdienen und ihnen bleibt so nur der Weg in die Illegalität.

Es ist total verständlich, dass Sozialarbeiter:innen aus Angst vor einer Infektion sich nicht über diese Anweisungen hinwegsetzen. Oft tun dies viele von ihnen dennoch, weil sie wissen, dass die Adressat:innen auf sie angewiesen sind.

Einwirken auf die Politik

Es gibt aber noch eine andere Form, den Menschen vor Ort zu helfen. Diese Form hat Soziale Arbeit als Profession jedoch leider über die letzten Jahre immer mehr verlernt. Nämlich das Einmischen in den politischen Diskurs, um eben für diejenigen Druck zu machen, die keine Lobby haben! Nicht umsonst wird Soziale Arbeit in der Fachliteratur als Menschenrechtsprofession beschrieben, als das Mandat für diejenigen, die sonst keine:r hört!

Wieso also nicht deutlich Stellung im Interesse der jetzt noch stärker benachteiligten Menschen beziehen, so wie es die ursprüngliche Gemeinwesenarbeit fordert? Wieso nicht deutlich die schwierige Situation von überforderten Eltern aufzeigen, die ihren Kindern erklären müssen, wieso die Kindergärten geschlossen sind, aber die Fitnessstudios öffnen? Wieso nicht sich dafür stark machen dafür, dass alle Sanktionen für Transferleistungsbeziehende ausgesetzt werden?

Soziale Arbeit steht für das bedingungslose Einstehen für die Adressat:innen und deren Bedürfnisse im Rahmen von institutionellen Vorgaben. Aber was ist, wenn die Institutionen blind werden für die Bedürfnisse der Menschen?

Anforderungen

Soziale Arbeit orientiert sich am Triple-Mandat. Das bedeutet, Soziale Arbeit versucht, drei verschiedenen Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden. Das erste Mandat bezeichnet die Verpflichtung gegenüber den Adressat:innen, das zweite die gegenüber den Trägern und das dritte Mandat ist die Verpflichtung gegenüber der Profession der Sozialen Arbeit selbst.

Besonders das zweite Mandat ist hier das Problem. Viele Sozialarbeiter:innen in Essen sind bei der Stadt angestellt oder bei Trägern, die mit der Stadt kooperieren, die also von öffentlichen Geldern finanziert werden.

Sich als Angestellter in einer solchen Situation zu behaupten und seine Stimme, möglicherweise gegen die Anweisungen eines Vorgesetzten, zu erheben, erfordert viel Mut, und viele tun dies nicht, weil sie ihren Job behalten wollen.

Denn auch die Soziale Arbeit ist geprägt durch prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Bezahlung, Befristungen und Leiharbeitsmodelle. Einen sicheren, unbefristeten Job bei der Stadtverwaltung gibt niemand so schnell auf, nur um Kritik an Entscheidungen der Stadt zu üben.

Alternativen und Chancen

Doch was ist die Alternative? Soziale Arbeit als Profession befindet sich in der Krise. Nach innen, aufgrund der eben dargestellten Arbeitsbedingungen und weil sehr viele ungelernte Kräfte im sozialen Bereich eingesetzt werden, was den Stand der Profession weit zurückwirft. Nach außen, aufgrund fehlender Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit und fehlender politischer Positionierung der Fachkräfte.

Die Krise beinhaltet aber auch die Möglichkeit, Veränderungen anzustoßen, für die Sozialarbeiter:innen selbst und ihre Arbeitsbedingungen. Und damit auch für die Adressat:innen. Denn nur eine gutausgestattete Soziale Arbeit ermöglicht erst eine gute Unterstützung für die Adressat:innen.

Jetzt ist also der ideale Zeitpunkt für die Soziale Arbeit, ihre politische Stimme wiederzufinden. Denn diese Krise zeigt alle Fehler dieses Systems für jede:n klar und deutlich. Diese besondere Ausgangssituation ermöglicht es einer breiten Masse an Sozialarbeiter:innen, sich zu organisieren und laut zu werden.

Für bessere Arbeitsbedingungen, für mehr Beachtung und Wertschätzung und gegen den Abbau des Sozialstaats. Die Mandatsträger:innen im Rat der Stadt Essen müssen die Expert:innen ernst nehmen und ihre Forderungen umsetzen!

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