Mo. Okt 25th, 2021

Über das Erzählen, Moral und die Suche nach dem Ankommen

„Eine wunderbare Symbiose aus Innen und Außen, aus Vergangenheit und Zukunft, aus Fremdheit und Dazugehören.“

Jede:r von uns wird sie vermutlich kennen, die Geschichten aus 1001 Nacht, in denen Sheherazade Geschichten erzählt, damit König Schehrijâr, der jeden Tag eine neue Frau heiratet und nach der ersten gemeinsamen Nacht umbringt, nicht auch sie tötet.

Genau dieses Gefühl der Hast und des Getrieben Seins empfinden Leser:innen in Karosh Tahas Wenderoman Im Bauch der Königin, wenn Amal in einem atemlosen Stakkato davon berichtet, wie sie auf dem Schoß des Vaters immerzu die gleiche Geschichte erzählen muss, auch wenn es ihre ganz Persönliche ist und sie eigentlich schon viel zu groß für den Schoß des Vaters ist.

Jedoch beschreibt der Roman der Essener Autorin, der 2020 im Dumont-Verlag erschienen ist, nicht nur Amals Perspektive auf eine Suche nach der eigenen Geschichte, sondern auch die von Raffiq, dem sich die Leser:innen nähern können, wenn sie das Buch von der anderen Seite beginnen. Der Roman ruft ungezwungen gesellschaftliche Diskurse auf und verhandelt diese selten direkt, aber immer pointiert. So ist die im Titel beschworene Königin in beiden Romanversionen symbolisiert durch Shahira, in der sich verschiedene Diskurse wie in einer Gießkanne sammeln und in einzelnen Strömen über die Leser:innen und Teile der Geschichte gegossen werden.

Einer der Diskurse, die in der Figur der Shahira aufgerufen werden, ist der um Frauenbilder und Moral: Auf der einen Seite ist sie die femme fatale, mit kurzen Röcken, einer lockeren Moral und einem Sinn für den Nutzen ihrer Freizügigkeit, andererseits ist sie liebende Mutter, fürsorglich, Geschichtenerzählerin. An ihr werden soziale Machtmechanismen reproduziert, wie an keinem anderen Charakter des Romans, weil sie alles ist: Unerreichter Traum, Hassfigur und Projektionsfläche für all die ungesagten Dinge, die auch weiterhin ungesagt bleiben müssen.

Aber nicht nur werden gesellschaftliche Themen in diesem Roman aufgerufen, auch die intimsten Gedanken und Empfindungen der beiden Erzähler:innen werden einfühlsam verhandelt und tragen so dazu bei, Leser:innen vollkommen in die Welt des Geschehens eintauchen zu lassen. Beide Protagonist:innen sind in ihren ganz eigenen Geschichten auf der Suche nach dem Ankommen, dem Ergründen der eigenen Herkunft und dem Weitermachen nach dem Scheitern.

Karosh Taha schafft in Im Bauch der Königin eine wunderbare Symbiose aus Innen und Außen, aus Vergangenheit und Zukunft, aus Fremdheit und Dazugehören, ohne dabei pathetisch zu wirken. Eine absolute Leseempfehlung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.