Mo. Jul 26th, 2021

Zum Beispiel Rassismus (1)

A: …aber wenn das alles verkehrt ist: Was meinst du, muss man über Rassismus wissen?

B: Was heißt „man“? In der Partei jetzt?

A: Nee, wenn möglich, alle.

B: Ach, hör auf! Dazu ist doch bereits alles gesagt.

A: Den Rassismus gibt´s immer noch.

B: Genau! Aber keiner will Rassist sein. Komisch, ne?

A: Wie meinst du das? Willst du etwa Rassist sein?

B: Quatsch. Was ich meine, ist, dass du dich auf den rassistischsten Scheiß gefasst machen muss, wenn einer so anfängt: Ich bin kein Rassist, ABER… Jaha, ABER. Dieses ABER kommt doch nur vor, weil jeder mittlerweile weiß, dass Rassismus nicht zum guten Ton gehört. Dass er irgendwie böse ist und daher verboten gehört…

A: Was? Rassismus ist doch böse. Er ist schlecht. Schlecht für die, die er betrifft…

B: Aber das zu wissen, reicht ja offensichtlich nicht aus, um ihn abzuschaffen. Dann wäre er ja längst aus der Welt. Dieser nebulösen Vorstellung vom Rassismus, die sich alleine an einer gut-/böse-/erlaubt-/nicht-erlaubt-Linie entlanghangelt, folgt was?

A: Was?

B: Nix. Leute werden zumindest weiterhin getötet und drangsaliert. Ausländer, Migranten…

A: Du, ich finde Ausländer ist jetzt ein sehr schwieriger Begriff, und Migrant sagt man auch nicht mehr…

B: Haha, ganz genau…du sagst es! Schwierige Begriffe, und neue Begriffe, die die schwierigen Begriffe ablösen sollten, haben es auch bisher nicht verhindern können, dass Ausländer und Migranten…

A: Ich bitte dich!

B: …dass Ausländer und Migranten und so weiter drangsaliert und getötet werden wie zuvor. Wenn nicht in D´land, dann ganz bestimmt anderswo. Von Terrorgruppen, von den Bullen, von engagierten Einzeltätern. Für den Job findet sich immer irgendwer…und ein Ende ist nicht in Sicht. Ganz böse gesagt, offensichtlich werden die Gründe für den Rassismus nicht durch irgendwelche Sprachregelungen aus der Welt geschafft, und noch böser gesagt, vielleicht werden diese Gründe mit den Sprachregelungen auch noch mit gutem Gewissen akzeptiert…

A: Wie kannst du sowas sagen? Anfänge sind gemacht. Anti-Diskriminierungsgesetze, Gleichstellungspraktiken in den Betrieben, in den Institutionen… Meinst du, das ist gar nix?

B: Meinetwegen, das hat aber mit der Bekämpfung der Gründe für Rassismus nichts zu tun. Das ist lediglich die gute Miene zum bösen Spiel…Eine Bekämpfung lediglich seiner Erscheinungen.

A: Langsam reicht´s mir aber! Wenn du Erscheinungen sagst, verharmlost du die rassistischen Gewalttaten…Das finde ich nicht ok. Das sind doch Menschen, die…

B: Das ist mit Erscheinungen nicht gemeint. Natürlich gibt es Mord und Totschlag, rassistische Gewalt. Und verstehe mich nicht falsch: Schon Drohungen und Schmähungen sind zu viel. Aber die sind nur Ausdruck, bloß Ausdruck der rassistischen Verhältnisse.

A: Und das entschuldigt alles? Das System ist schuld, oder was? Und die Rassisten können gar nicht anders als dem System zu seinem Ausdruck zu verhelfen? Wer sowas sagt, ist doch schon selber auf der Seite der Rassisten.

B: Moment. Mit denen möchte ich aber nicht verwechselt werden. Das soll keine Entschuldigung solcher Taten und Worte sein. Vor allem deshalb, weil sich die Schuldfrage gar nicht stellt, wenn man weiß, was Rassismus ist und wozu er gut ist. Und ist ja auch nicht ganz leicht. In der Schule lernt man sowas nicht, obwohl Rassismus dort ständig Thema ist. Ich z.B. habe in der Schule lernen müssen, dass man keine Vorurteile haben darf, schon gar nicht gegenüber Ausländern. Mit der Begründung: Verallgemeinern darf man nicht – weil: Man kann sich ja auch täuschen. Das war alles, was wir über Rassismus lernen durften. Zu einer Zeit, in der man im Osten von D´land Asylbewerberheime angezündet hat…

A: Das ist traurig. Aber: Ist es nicht so?

B: Doch, klar, man kann sich täuschen. Aber das trifft auf alles und jeden zu und ist damit viel zu allgemein, um den Rassismus auf den Begriff zu bringen. Und ja: Man kann falsche Verallgemeinerungen machen. So etwa auf dem Niveau von „Alle Schwäne sind weiß“ und „Alle Türken essen gerne Kümmel“ oder „Der Schwarze an sich schnackselt halt gerne“.

A: Du hast das N-Wort gesagt!

B: Nee, das war doch nur ´nen Zitat! Das kommt von dieser Fürstin zu Schnipp und Schnapp, kannste mal googlen – furchtbar – egal… Was ich sagen will, ist, dass sich solche Verallgemeinerungen an der Welt blamieren, aber ob die rassistisch sind? Man merkt an diesen Aussagen, wie einer ungefähr denkt und wie er auf die Welt blickt, aber Gewalt wird dadurch noch niemandem angetan.

A: Doch. Was meinst du, wie sich jemand fühlt, der das N-Wort auf sich bezieht und den Spruch von eben hören muss…

B: Wie sich jemand fühlt? Das bricht nun aber den Rassismus endgültig auf eine Frage der Gefühligkeit herunter. Jetzt bist du es, der hier verharmlost. Wer was womit verbindet und darauf wie reagiert, das hast du gar nicht in der Hand… außerdem hängt das schon sehr von der individuellen Verfasstheit des Einzelnen ab. Und was noch wichtiger ist: Dass die Beleidigung und Verletzung nicht an dem N-Wort an und für sich liegen kann, zeigt ja sein weitverbreiteter Gebrauch als Anrede unserer afroamerikanischen Klassenbrüder und -schwestern untereinander. Fo shizzle ma nizzle. Da wird das N-Wort zu einem Codewort der Zusammengehörigkeit…

A: Ach so… ja…stimmt wohl. Aber was ist denn der Begriff des Rassismus bitte, wenn du schon damit angibst, den zu kennen?

B: Der Begriff des Rassismus – das was allen rassistischen Erscheinungsformen gemeinsam ist und hinter denen reale Kräfte stehen, ist die Sortierung der Bevölkerung nach Brauchbarkeit für die Zwecke von Staat – als Wahlvolk, als Steuerzahler, als Kanonenfutter – und Kapital – als Träger der Arbeitskraft und natürlich als Konsumenten. Und diese Brauchbarkeit, das ist ganz wichtig, damit ein echter Rassismus daraus wird, sei irgendwie an der Natur der Beurteilten festzumachen.

A: Das ist mir zu abstrakt!

B: Aber so ist es. Wenn du willst, kann man das auch konkreter sagen. So ist jeder moderne Nationalstaat von sich aus rassistisch, wenn er Grenzen errichtet, den Insassen exklusive Rechte verleiht und den Rest zu Menschen zweiter Klasse erklärt, allein weil sie irgendwo anders geboren werden und dort mit anderen Rechtssystemen und anderen Regierungen zu kämpfen haben. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das an der Einwanderungspolitik eines Staates: nicht jeder, der will, darf rein. Der muss erstmal gründlich geprüft werden. Manch einen weist man danach ab. Und manch einen prüft man erst gar nicht und lässt ihn gleich auf offener See ersaufen…

A: Du bist zynisch!

B: Nein, nicht ich. Wenn einer zynisch ist, dann ist es doch der Staat, der so mit den Leuten verfährt.

A: Aber was hat das alles denn mit dem Rassismus im Inneren des Staates zu tun?

B: Das ist doch arschklar. Wie der Herr, so das Gescherr. Der Staat macht es vor. Der Bürger macht es nach. Wenn einer an der Grenze abgewiesen wird, dann muss es dafür einen guten Grund geben. So der Gedanke des Bürgers. Außerdem fühlt er sich durch die Rechte, die er per Geburt im Staate genießt, gebauchpinselt. Dass mit diesen Rechten für die allermeisten auch ein Leben in Arbeit und Armut dazugehört, ja, das ist dann erst einmal vergessen. Der Bürger fühlt sich in seinen erst einmal unpolitischen Vorurteilen, seinen falschen Verallgemeinerungen und seinen persönlichen Abneigungen, die er gegen die hegt, die von außen kommen, bestätigt. Und bei ein, zwei Bier und im Verbund lässt er dann auch mal die Sau raus und sagt einem auch, was er von den Ausländern hält und was man mit denen so machen muss. Und gelegentlich schreitet auch jemand zur Tat und haut irgendeinem armen Luder den Schädel ein.

A: Aber das darf er ja nicht. Gewalt ist nicht erlaubt. Dafür gibt es doch Gesetze.

B: Ja, aber hat das jemals einem Erschlagenen das Leben gerettet? Dass es nicht erlaubt ist, jemanden zu erschlagen? Der Staat wacht eifersüchtig über sein Gewaltmonopol, das ist richtig, aber nicht aus lauter Menschenliebe, sondern damit Rechtssicherheit herrscht und das Kapital auf seinem Boden Geschäfte machen kann – und er behält es sich vor, ob und wer im Land getötet werden soll, ob und wie das Töten Strafen nach sich zieht usw. Aber spätestens im Falle eines Krieges macht er ernst mit seiner Aufteilung der Welt in Innen und Außen und dann ist Gewalt gegen Ausländer auf einmal mehr als erwünscht.

A: Das ist ja irre.

B: Ja, widersprüchlich ist das. Und irre. Und wen wundert es da, dass Bürger an diesen Widersprüchen irrewerden und auch nicht mehr wissen, was richtig und was verkehrt ist, falls sie es je wussten. Da bleibt den Bürgern ja nichts anderes als danach zu schielen, was ihnen erlaubt wird und was nicht. Den Widerspruch werden sie nicht auflösen wollen. Dann wären sie ja Revolutionäre.

A: Wenn ich dich richtig verstehe, müsste man den modernen Nationalstaat mit seinen Grenzen abschaffen, um den Rassismus aus der Welt zu räumen? Das ist mir zu radikal…

Fortsetzung folgt.

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