Freitag, 23. Oktober 2020

Hannibal kommt

Wenn sie denn kommen würden. Die Elefanten Hannibals. Über die Südspitze Spaniens – und dann nach Europa hinein. Ins Herz der Länder der Gleichgültigen.

Statt der 27 Elefanten Hannibals die 170.000 Saharauis, die seit 40 Jahren im Süden Algeriens in Zelten festgehalten werden. Die wir vergessen haben, weil sie (noch) ruhig und besonnen bleiben, und weil die Frente Polisario, ihre politische und militärische Organisation, (noch) stillhält.

Wenn sie denn kommen würden, weil sie es endgültig leid sind, dahinvegetieren zu müssen am kleiner werdenden Topf oder Tropf der UNO mit ihren Menschenrechten. Sie kämen, alle, in einem unübersehbaren Zug, langsam schreitend, trommelnd, dumpf trommelnd, mit dem hellem Pfeifen ihrer Flöten, Männer, Frauen und Kinder, dumpf trommelnd, mit klaren, langsamen Schritten, alle hintereinander, Männer, Frauen und Kinder, dumpf trommelnd mit schrillem Pfeifen.

Von Süden zögen sie herauf, durch die Wüste, durch Algerien, dann hinüber nach Marokko, dem Land, das ihnen ihr Land weggenommen hat, weiter nach Norden, bis zum Meer bei Tanger und Ceuta, bei der Felsspitze vom Jebel Musa, der Straße von Gibraltar, den Säulen des Herakles.

In Ceuta hätten sie bereits Spanien erreicht, noch ohne über die Meeresenge gelangt zu sein. Dort, auf der anderen Seite, in Gibraltar, lockt Großbritannien, ein Noch-Land der EU. Dann müsste England sie vielleicht hineinlassen. Doch wir sehen: in Nordfrankreich, bei Calais, leben Flüchtlinge, die nach England wollen, in menschenunwürdigen Hütten und Zelten, die von der französischen Polizei auf Geheiß der Regierung Macron und mit Duldung eines großen Teils der Bevölkerung einfach immer wieder abgeräumt werden.

Wohin die Leute sollen und wo sie bleiben, interessiert nicht. Die Fähren zu benutzen ist kaum möglich, mit Lastwagen und mit der Kanaleisenbahn ist es äußerst schwierig. Jetzt versuchen es einige mit primitiven Schlauchbooten von Urlaubern. Als Paddel benutzen sie Spaten. 30 Kilometer mit dem Spaten und billigen Plastikbooten – das gelingt kaum. Frankreich und Großbritannien wollen sie nicht, diese Menschen, die schon da sind, aus Afrika, aus Syrien, aus Afghanistan und werweißwoher.

Weiter würden sie ziehen, diese Sahara-Menschen, die vielleicht, wenn sie es schaffen, bei den Säulen des Herkules schon Europa erreicht hätten, sogar Großbritannien. Männer, Frauen, Kinder, trommelnd, pfeifend, singend, mit den schrillen Gesängen der Rohrpfeifen und Dudelsäcke und vielleicht auch mit mancher orgue de barbarie, mit dumpfen Schritten, weiter nach Norden, dort entlang, wo schon der Sage nach Herakles nach dem Raub der Rinderherde des Riesen Geryon bei Gibraltar auf dem Heimweg nach Griechenland entlanggezogen war, durch Spanien, Südfrankreich, Norditalien, Jugoslawien und Nordgriechenland. Allerlei Abenteuer siegreich bestehend, brachte er die Rinderherde heil nach Griechenland, wo sie den Göttern geopfert wurde.

Deshalb würden sie kommen, die Barbaren, wie Eduardo Galeano schreibt, die Barbaren kommen zu den Zivilisierten – und sie würden ihnen beibringen, was Menschlichkeit heißt. Doch die Zivilisierten würden sich wehren, wie sie sich seit Jahrzehnten wehren gegen die Menschen aus dem Süden, die sie jahrhundertelang als Kolonialherren ausgebeutet haben, denen sie heute mit Kriegen und ihrem mörderischen Wirtschaftssystem die Lebensmöglichkeiten nehmen.

Ob die 170.000 Menschen aus der Südsahara heil nach Norden kommen würden? Wie breit ist die Straße von Gibraltar, die Tankerautobahn genannt wird, weil dort das heilige Öl aus dem Morgenland ununterbrochen durchgeschifft wird? An der schmalsten Stelle sind es knapp fünfzehn Kilometer, das wäre zu überbrücken, das ist viel weniger als von Libyen nach Sizilien, Malta oder Lampedusa. Und auch kürzer als von Lesbos zum griechischen Festland.

170.000 Menschen, die Bevölkerung einer mittelgroßen deutschen Stadt, zum Beispiel Hagen. Wohin würden sie wollen? Sie könnten nicht darauf warten, bis bürokratische Institutionen der europäischen Länder sich auf eine gerechte Verteilung geeinigt hätten. Nein, darauf kann man nicht warten, da nimmt auch jedes Land höchstens eintausend und kommt sich generös vor. Sie müssten sich einfach Ländereien nehmen zum Leben, wie die Westgoten es ihrerzeit mit Erfolg taten.

Doch eigentlich möchten sie wieder zurück in ihr eigenes Land, westlich liegend der algerischen Südspitze, der algerischen Wüsten, würden lieber ihr eigenes Land besiedeln wollen, wo noch im östlichen Teil des von Marokko völkerrechtswidrig annektierten Landes ihre Landsleute wohnen.

Sie würden gern wieder auch den westlichen Teil dieses Landes bis zum Atlantik bewohnen. Woher ein Teil der leckeren Ölsardinen kommt, die Sardina pilchardus, für die im Fanggebiet FAQ 34 als Herkunftsgebiet Marokko angegeben wird. Gefangen im mittleren Ostatlantik mit Umschließungsnetzen und Hebenetzen, so genannten Ringwaden. Das muss alles auf den Dosen angegeben sein, so will es die FAO, die internationale Organisation.

Doch auf einigen müsste stehen „Westsahara“. Und manche Firma nimmt es nicht so genau mit den Chargenangaben, die Nummer fehlt auf den Dosen, ein Versehen natürlich, und das Fanggebiet FAQ 34 ist groß. Kommen die Fische nun aus 1.11, 1.12 oder 1.13, das nämlich wäre uns wichtig. Aber es geht nicht nur um Fische, nur deshalb allein hätte Marokko sich das ehemalige spanische Kolonialgebiet sicher nicht widerrechtlich angeeignet. Das Gebiet verfügt über wichtige Wasserressourcen und über die weltweit bekannten größten Phosphatvorkommen.

Phosphate und Phosphor braucht man für Düngung und Sprengstoffherstellung. Neuerdings auch zur Herstellung von Lithium-Ionen-Akkumulatoren für die heißgeliebten Elektroautos, mit denen wir den Klimawandel bekämpfen. Aber so, dass die Aktionäre weiterhin ihr bequemes Geld verdienen können. Oh ja, da wird die Sache heiß. Das kann und will man nicht den Saharauis überlassen, die können doch damit nichts anfangen.

Doch, könnten sie, sie könnten die Ressourcen an die Europäer teuer verkaufen und einen Teil ihrer Wirtschaft damit aufbauen. Das wäre den Europäern aber zu teuer und außerdem will der König von Marokko damit das Geld verdienen. Und mit dem hat die EU ein Assoziierungsabkommen abgeschlossen, das hatte schon die EWG, ja, da war man schnell am Ball. Die Marokkaner sind unsere Freunde, ob dort eine Quasidiktatur herrscht oder nicht, ist egal.

Wir wandern, wir wandern, weiter müssen die 170.000 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, wandern, sie sind Auswanderer und noch keine Einwanderer, und viele europäische Länder behaupten, sie seien kein Einwanderungsland. Vielleicht können sich die südlichen Wanderer verbünden mit den Gelbwesten in Frankreich und mit den Zadisten, die sich ein Stück Land in der Bretagne erkämpft haben, nach über dreißig Jahren. Vielleicht müssen die Saharauis doch wieder kämpfen, muss die Frente Polisario, die Volksfront zur Befreiung von Saguía el Hamra und Río del Oro, doch die Waffen erneut ergreifen. Die Polisario wurde 1973 gegründet, um gegen die noch bis 1975 bestehende spanische Kolonie Westsahara zu kämpfen.

Das Gebiet wurde nach der „Entlassung des Gebietes in die Freiheit“ 1975 von Marokko besetzt, bevor die Saharauis eine eigene Staatsstruktur aufbauen konnten. Nach einem Friedensvertrag im Jahr 1979 mit Mauretanien, das südlich der Westsahara liegt, gab es militärische Kämpfe bis zu einem Waffenstillstandsabkommen im Jahr 1991.

Damit verbunden war die Zusage eines umgehenden Referendums, mit dem die Saharauis über die Zukunft der Westsahara abstimmen sollten. Marokko verweigerte dieses Referendum und baute stattdessen eine 2.700 Kilometer lange Mauer um die besetzte Westsahara. Es erfolgte aus Deutschland, das angeblich etwas gegen solche Mauern hat, kein Protest und keine Hilfe.

Das provisorische Hauptquartier der Polisario-Regierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara liegt in Tindouf, im Südwesten Algeriens. In der Wüste, wo nach vierzig Jahren im Zeltdorf die Hoffnung gestorben ist. Die Alten haben resigniert oder sind nicht mehr da, die jungen Menschen aber geben sich nicht zufrieden.

Einige arbeiten in Spanien und schicken Geld. Aber für sie hat Europa, wie üblich, nur die prekärsten und unangenehmsten Arbeiten vorrätig. Was waren das noch für Zeiten, als die südländischen Arbeiter, die man dringend brauchte, „Gastarbeiter“ genannt wurden. Immerhin. Obwohl sie eben nur Gäste sein und nach drei Jahren wieder nach Hause gehen sollten. So war es abgemacht, doch es kam anders.

Wenn Hannibal käme, mit nur 27 Elefanten, die Angst und Schrecken verbreiten sollten, doch auch das kam anders. Jetzt würden 170.000 Menschen kommen, eine Zahl, die der Bevölkerung einer mittelgroßen deutschen Stadt entsprechen würde. Oder einer holländischen, oder einer französischen, einer spanischen. Viele Orte in Europa leiden an Bevölkerungsschwund, überall versucht man, die jungen Menschen zu halten, bis hin zum Verbot leerstehender Ferienhäuser. Sogar die Häuser wären da!

Wenn sie denn kommen würden, weil sie es endgültig leid sind, dahinvegetieren zu müssen am kleiner werdenden Topf oder Tropf der UNO mit ihren Menschenrechten.

Sie kämen, alle, in einem unübersehbaren Zug, langsam schreitend, trommelnd, dumpf trommelnd, mit dem hellen Pfeifen ihrer Flöten, Männer, Frauen und Kinder, dumpf trommelnd, mit klaren, langsamen Schritten, alle hintereinander, Männer, Frauen und Kinder, dumpf trommelnd mit schrillem Pfeifen.

Von Süden zögen sie herauf, durch die Wüste, durch Algerien, dann hinüber nach Marokko, dem Land, das ihnen ihr Land weggenommen hat, weiter nach Norden, bis zum Meer bei Tanger und Ceuta, bei der Felsspitze vom Jebel Musa, der Straße von Gibraltar, den Säulen des Herakles. In Ceuta hätten sie bereits Spanien erreicht, noch ohne über die Meeresenge gelangt zu sein. Dort, auf der anderen Seite, in Gibraltar, hätten sie Großbritannien erreicht, ein Noch-Land der EU.

Männer, Frauen und Kinder, trommelnd, pfeifend, singend, mit den schrillen Gesängen der Rohrpfeifen und Dudelsäcke und vielleicht auch mit mancher orgue de barbarie, mit dumpfen Schritten, weiter nach Norden, dort entlang, wo schon der Sage nach Herakles nach dem Raub der Rinderherde des Riesen Geryon bei Gibraltar auf dem Heimweg nach Griechenland entlanggezogen war. Daher würden sie kommen, die Barbaren.

Sogar im Jahr 2007 noch behauptete der US-Amerikaner James Watson, ein Nobelpreisträger für Medizin, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Schwarzen immer noch weniger intelligent seien als Weiße. Nicht nur viele Schwarze, auch der derzeitige US-amerikanische Präsident und der „Wissenschaftler“ selbst beweisen das Gegenteil.

In der Westsahara hinterließ die glorreiche spanische Nation, ein angeblich zivilisiertes Land, einen Arzt, einen Rechtsanwalt und einen Handelsexperten. Das war schon viel, in anderen ehemaligen Kolonien hinterließen die zivilisierten Europäer weniger oder nichts. Ach, das stimmt so nicht: sie hinterließen Zerstörungen, Tote und ausgeraubtes Land.

Zitat: Kleine, zerbrechliche Boote, die das Meer verschlingt, sind die Nachfahren der früheren Sklavenschiffe. Die Sklaven von heute fahren nicht freiwillig. Sie werden dazu gedrängt. Niemand verlässt sein Land, weil er es will. Von Afrika und vielen anderen Orten aus fliehen die Verzweifelten vor den Kriegen und der Dürre und den ausgelaugten Feldern und den vergifteten Flüssen und den leeren Mägen. Der Verkauf von Menschenfleisch ist auch heute das erfolgreichste Exportgeschäft des Südens der Welt. Eduardo Galeano.

Warum, warum nur zieht es diese Menschen zu den Barbaren im Norden? Hoffentlich verhalten sie sich menschlich, wenn sie hier sind, lassen Gnade walten, wenn sie kommen. Die mit ihrem dumpfen Trommeln, tagelang, nächtelang, im Herzen der Finsternis. Noch brennt es in Tindouf nicht.

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