Mittwoch, 23. September 2020

Dritter Brief an Heinrich Böll

Weil der H.B. ja jetzt auf seiner Wolke sitzt, vielleicht neben Flann O’Brien und Dylan Thomas, erzählen wir ihm einiges darüber, was heutzutage in Irland los ist.

Lieber Heinrich Böll, dear Henry,

ist es nicht toll, dass das Nelson-Denkmal in Dublin fort ist? Damals überlegtest du, ob die Iren es wohl irgendwann einmal schaffen würden, den englischen Helden zu stürzen. Sie haben es vollbracht, der Admiral wurde nicht einmal durch eine Statue der ‚Mutter Gottes’ ersetzt, sondern durch eine stählerne spitz zulaufende Säule. Keiner weiß, an wen oder was diese Säule erinnern soll, unser Kollege Hugo Hamilton will gehört haben, sie stelle eine Spritze dar als Denkmal für die vielen Junkies in Dublin. Very likely – schon möglich. Zum vierten Mal sind wir in diesem Irland gewesen, doch das muss nichts bedeuten, ob wir nun ein wenig mehr Ahnung haben, möchte ich dahin gestellt sein lassen. Es hat sich verdammt vieles verändert, und nicht alles ist zu begrüßen. Wir meinen, deine Denkweise einigermaßen aus deinen Büchern und Interviews zu kennen, und so würdest auch du bestimmt über einige Neuigkeiten schmerzlich erstaunt sein – und hättest mal wieder oder immer noch genügend Zähne zu ziehen, wie du es in deinem Irischen Tagebuch beschrieben hast.

In Westport

Ich möchte nach langer Zeit wieder über Irland berichten. Ich hoffe, meine anderen Briefe haben dich erreicht, obwohl für den zweiten Brief bereits weder die Bundespost – jetzt Deutsche Post AG – zuständig noch deine genaue Adresse bekannt war, denn ich stelle mir vor, angeregt durch Mark Twain, dass du, nachdem du aufgefahren bist zum Heiligen Federkiel, dort auf deiner Wolke sitzt, vielleicht direkt neben Flann O’Brien oder Dylan Thomas oder Liam O’Flaherty, dem alten Stromer, und dass ihr euch herrlich amüsiert über unseren Betrieb hier unten, den wir versuchen mehr oder weniger gut, oder schlecht und recht, wie man so sagt, in Gang zu halten. Zunächst das Positive. Wir waren mal wieder in Westport gelandet. Die Stadt hatte immer noch ihren typisch irischen Reiz. Die dreibogige alte Brücke über den Fluss war weiterhin umrahmt von Bäumen gewesen, man konnte ihr mit den Händen über die Vertrauen erweckenden rundgemauerten Begrenzungen streichen und auf der anderen Straßenseite O’Donnans Laden erkennen, dessen Fenster- und Türumrahmungen in dunklem Weinrot gestrichen waren. Gegenüber erstreckten sich die Select Bar und das gelbe Hotel von John J. O’Shady mit der großen Guinness-Reklame und seinen breiten Schornsteinen, aus denen sich jeweils vier Metallröhren emporreckten. Schilder in dunklem Grün und dunklem Rotbraun mit weißer Schrift wiesen nach Dublin, Inishbofin Island, nach Cleggan und zu den Killary Cruises, nach Castlebar und ins Town Centre. Die Häuser in grellen Farben, du kennst das ja, frisch gepinselt jedes Jahr. In knalligem Gelb eine Sandwich Bar, ein kräftiges Blau beinhaltete einen Antiquitätenladen und in hellem Grün leuchtete der Barber Shop. Das Teach na Nõl lockte mit Geigen- und Akkordeonspielern auf bunten Plakaten neben dem Eingang, leider war in der berühmten Kneipe Matt Molloy’s vorübergehend nichts los. Wir landeten am Abend in J. Geraghty’s Bar, wo man etwas zu essen bekam und wo nach zweiundzwanzig Uhr weder jemand die Vorhänge zuzog noch das Zapfen einstellte. Im Gegenteil, um diese Zeit ging es erst richtig los, wandernde Musiker kamen vorbei, spielten einige Stücke und zogen weiter zur nächsten Kneipe, das hat sich hier so eingebürgert, wie wir in Erfahrung brachten. Ilse zeichnete blitzschnell einige Skizzen von den Musikerinnen und Musikern und erntete großes Interesse und Lob, als sie ihnen und unseren Tischnachbarn die Bilder zeigte. Genauso wie Hundebesitzer über ihre Tiere miteinander ins Gespräch kommen, so wird durch Ilses Bilder und Zeichnungen oft das erste Eis gebrochen.

So schön sich das Städtchen auch gebärdete, Menschen eilten zu ihren Einkäufen, alte Männer hockten auf Mauervorsprüngen, mancher fragte uns, ob er helfen könne, Trinker hatten sich um eine Parkbank geschart, also alles ganz normal, wurde die Idylle inzwischen gewaltig gestört vom sich unablässig durch die Straßen zwängenden Autoverkehr. Damit ist Irland in Europa angekommen, neben den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich nach einer Zeitspanne des Aufschwungs ergeben. Im Norden, in Mayo oder Donegal, ist die Verkehrsdichte noch erträglich, vor allem, wenn wir sie mit Deutschland oder dem Ruhrgebiet vergleichen (bei uns im Stadtteil ist jeder freie Quadratzentimeter mit parkenden Autos besetzt, und über die nahe Bundesstraße donnern pro Tag über sechzigtausend Fahrzeuge), aber in Irlands Städten, in Galway, Cork oder Dublin und nun auch in Westport, ist der Teufel los. Fahrzeuge über Fahrzeuge, ein ununerbrochener Run, wie bei uns und wie ihn William Faulkner in den fünfziger Jahren bereits in seiner Trilogie Das Dorf, Die Stadt, Das Haus beschrieben hat, was ich mir damals nicht recht vorstellen konnte oder wollte. Die Schlangen der Autos, der Lärm und der Gestank der Abgase zerstören den Eindruck des schönsten Ortes, das gilt natürlich für ganz Europa, und man möchte in die Umgebung flüchten. Nun hatten wir erfreulicherweise reichlich Meeresküsten und Landschaft getankt, sodass wir es eine ganze Woche in Westport und Umgebung aushielten.

Gibt es „dieses Irland“ noch?

Tja, es gibt dieses dein Irland manchmal immer noch, lieber Heinrich, obwohl wir häufig es zu sehr zu verklären Gefahr laufen, aber wir brauchen Dinge, Ereignisse, Erfahrungen, an denen wir uns festhalten können, gerade jetzt, in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, im globalisierten Medienzeitalter, bei der rasant zunehmenden Datentechnik mit ihrer virtuellen Welt. Und bei dem entfesselten Kapitalismus, der seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, den der Westen gezielt betrieben hat, keine Hemmungen mehr zeigt. Staatliche Institutionen, sogar Krankenhäuser, Gefängnisse und Stadtverwaltungen, werden privatisiert, Konzerne schließen sich zusammen oder werden ,feindlich’ übernommen; die neue Währung Euro gilt in Irland auch, im Gegensatz zu Großbritannien (die Europäische Union hat jetzt fünfundzwanzig Mitgliedsstaaten, unter anderen Polen und die baltischen Länder, Kaliningrad/Königsberg ist wieder Enklave und die russischen Menschen brauchen ein Visum, wenn sie über die Grenze wollen). Ab 2007 werden Rumänien und Bulgarien dazukommen, das kannst du dir wahrscheinlich als Redner auf den Friedensdemonstrationen während des so genannten kalten Krieges gar nicht vorstellen!

Häufig werden Politiker und leitende Manager, die den Begriff freie Marktwirtschaft missverstanden haben müssen (oder richtig?), bei krummen Touren und Selbstbereicherungen erwischt, ganze Belegschaften der Bauämter unserer Städte sitzen in Untersuchungshaft, auch der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bank AG steht vor Gericht. Die Computer – fast jeder besitzt inzwischen einen – sind bereits eine Woche nach dem Kauf veraltet, Briefe versendet man per elektronischer Mail (hast du auch schon eine e-mail-Adresse, vielleicht h.b.wolkezehn@t-online.de?), und wenn ich im Internet bei google oder eccosia deinen Namen eingebe, erscheinen auf dem Bildschirm so viele Seiten mit Hinweisen, dass ich Tage brauchen würde, um alles nachzulesen.

Aber zurück nach Irland. In Nordirland ist es zur Zeit ruhig, die IRA hat verkündet, ihre Waffen abgeben zu wollen, aber ‚Reverend’ Ian Paisly von den Unionisten, der alte Hetzer, hat verlauten lassen, er könne seine Kämpfer zu einem solchen Verhalten leider nicht bewegen. Irland hat zwischen 1994 und 2002 einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und wurde der keltische Tiger genannt, in Anlehnung an die jungen asiatischen Staaten, die ihren Wirtschaftsaufschwung vorantreiben und den Europäern Angst einjagen, ganz abgesehen von China, das jetzt anfängt, für seine Milliarde Menschen die modernen Zeiten einzuführen. Als erstes kauften sie weltweit den Stahl weg (Deutschland konnte gar nicht so viel liefern, weil unsere Industrie in weiser Voraussicht die meisten Stahlwerke dicht gemacht hatte), als zweites stellte man fest, dass eine solche Masse Menschen, wenn sie beginnt Auto zu fahren, welche wir ihnen ja gern verkaufen, Öl braucht. Auch auf dem Sektor kaufen sie viel auf, und das Benzin wird teurer und die Europäer jammern, als hätte man ihnen etwas weggenommen, was ihnen, und nur ihnen, gehörte. Dank des Zuzugs der mit Steuervergünstigungen und niedrigen Löhnen angelockten US-amerikanischen Investoren, die das englischsprachige Irland als Basis für den europäischen Markt nutzen konnten, gelang es dem Land zum ersten Mal in seiner Geschichte, für einen größeren Teil der Bevölkerung eine Einkommensbasis und einen gewissen abgestuften Wohlstand zu schaffen. Natürlich mit allen Folgeproblemen, der Autolawine, den Umweltschäden, der steigenden Kriminalitätsrate, den steigenden Kosten, vor allem den steigenden Mieten und Wohnungspreisen. Und erstmals seit langer Zeit wanderten keine Iren mehr aus, im Gegenteil, sie kehrten reihenweise aus dem Ausland in die Heimat zurück. Migranten und Asylbewerber aus Ländern, für die Irland bisher ein Fremdwort war (und deren Ländernamen für die Iren), kamen, und die Einwohnerzahl stieg auf weit über vier Millionen, eine Zahl, die das Land seit der großen Hungersnot vor einhundertfünfzig Jahren nicht mehr aufweisen konnte. Übrigens, wahrscheinlich weil die Iren die große Hungersnot nicht vergessen können, holten sie kurz nach Beendigung des zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 über eintausend hungernde, elternlose Kinder aus Frankreich und Deutschland nach Dublin, päppelten sie mit Schonkost wieder auf und gaben sie dann für drei Jahre in die Obhut von Familien. Operation Shamrock nannte sich die Aktion. Etliche der Kinder sind für immer in Irland geblieben.

Der lahme Tiger

Nach einem knappen Jahrzehnt Rekordwachstum begann das Wirtschaftswunder Anfang des neuen Jahrtausends zu bröckeln, der Tiger wurde lahmer und zahmer. Das sei nicht vorauszusehen gewesen, tönte es aus der Politik. Doch, das war vorauszusehen, weil es immer so geht (Portugal lieferte dafür zuletzt ein Beispiel), aber jedes Mal glauben die Beteiligten, das Wachstum könne wunderbarerweise ständig weiter gesteigert werden. Als ob nicht andere auch eine Scheibe vom Kuchen haben möchten! Und dann Konkurrenten werden. Die Inflationsrate kletterte mit dem Wachstum, dann gab es in der Informationstechnikbranche eine Flaute (man hatte hauptsächlich auf ein einziges Pferd gesetzt, wie bei uns auf die Autoindustrie), damit platzte einmal mehr der Traum vom ewigen Wirtschaftswachstum. Dabei hätte man es bei Marx und Engels nachlesen können, du kennst die Aussage sicher, dass es im Kapitalismus Wellenbewegungen gibt, ein Auf und Ab im Wechsel von jeweils ungefähr zehn Jahren. Aber wer liest schon Karl Marx, diesen alten Nörgler. Die so genannten Wirtschaftsexperten wollen nichts von ihm wissen und die Bevölkerungen auch nicht, denn die Medien sorgen dafür, dass auch moderne Wissenschaftler, die auf diese Dinge nüchtern hinweisen, schlecht gemacht oder nicht veröffentlicht werden. Selbst den Herrn Keynes mag man bei uns nicht, und dieser intelligente Mensch war ja nun beileibe kein Marxist. Im Jahr 2003 verkündete der irische Finanzminister McCreevy, der daraufhin prompt Mac the Knife genannt wurde, drastische Sparmaßnahmen und vorrangig Einschnitte bei Investitionen und im Sozialbereich. Wie es in solchen Fällen üblich ist. Tja, obwohl es mit dem Tigerlein also abwärts geht, ist die High Street in Galway an manchen Abenden so überfüllt, dass man sich an die Drosselgasse in Rüdesheim erinnert fühlt, haben Martin und Gertrude Degenhardt erzählt.

Und dann kam der Strom nach Inishbofin

Was wird vom ,Irischen’ bleiben? Noch habe ich ja einiges gefunden, obwohl klar ist, dass nirgendwo mehr die ,alten Jahre’ vorhanden sind und wohl auch nicht sein sollen, das ist sicher im Sinn der Iren. Aber vielleicht gibt es eine Ausnahme: die Insel Inishbofin. Du erinnerst dich sicher, sie liegt ungefähr acht Kilometer vor der Küste bei Cleggan. Einhundertachtzig Menschen leben dort noch und versuchen, der endgültigen Globalisierung zu trotzen. Was natürlich nicht so einfach ist. Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bekamen sie für zweieinhalb Millionen Pfund eine neue Hafenmole, du kannst dir vorstellen, was für ein Mordsding das geworden ist. Völlig unverhältnismäßig und für ein Wachstum vorgesehen, das nur in den wirren Köpfen etlicher spinnerter Politiker existiert. Das erinnert uns an Hafenneubauten in Portugal (Nazaré) oder im Südosten von Sardinien bei Villaputzu, durch die mehr zerstört als geschaffen wurde, vor allem kein entsprechendes Wachstum. Und dann kam Strom nach Inishbofin. An sich keine schlechte Sache, niemand kann es übel nehmen, wenn selbst irische Menschen auf einer kleinen Insel im 21. Jahrhundert mit Strom leben möchten. Prompt gab es aber binnen Kurzem keine Kühe mehr auf der Insel. Wie das? Man kann heutzutage alles auf Inishbofin bekommen, was das Herz begehrt, natürlich auch – abgepackt in Kunststoffumhüllungen, die dann später im Hafenwasser schaukeln – Dinge, die früher auf der Insel selbst hergestellt wurden. Inishbofin ist inzwischen völlig abhängig geworden von den Großkonzernen wie wir alle. Die Milch kommt nicht mehr aus der Kuh, sondern in gewachsten Kartons aus Galway. Die Eier kommen aus dem County Monaghan (also sind auch Hühner nicht mehr nötig), Käse, Butter und Speck werden von Cork herangekarrt. Alles wird per Lastwagen auf den neuen breiten Straßen angeliefert und (noch) mit dem Motorboot zur Insel geschafft. Doch vielleicht bezahlt Brüssel ja demnächst eine Brücke, damit die Konzerne noch einfacher noch mehr Geld verdienen können. Da man jetzt strombetriebene Kühlschränke hat, kann man die Milch aufbewahren und in Ruhe auf die nächste Fähre warten. Eigene Kühe sind nicht mehr notwendig. Früher hat Inishbofin Eier und Butter ,exportiert’! Es ist noch nicht ganz hundert Jahre her, dass dort der gesamte Bedarf an Kleidung selbst hergestellt wurde. Man konnte fast autark leben. Heute sind die meisten Inselbewohner abhängig von Rentenzahlungen, Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe, so genannten Transferleistungen (ein schöner Euphemismus für Armut), berichtet das irland-journal. Ein eigener Schlachthof für Schafe, der auf der Insel von den Einheimischen geplant war, wurde verboten, weil er zu klein gewesen wäre und damit den EU-Bestimmungen nicht entsprochen hätte. Also wird heimlich hinter dem Haus geschlachtet. Doch es gibt auch Positives zu berichten. Margaret Murray betreibt das Day’s Hotel und versucht, den Tourismus anzutreiben; eine Genossenschaft wurde gegründet, um Lebensmittel preiswerter auf die Insel zu holen. Immer wieder gibt es Gerüchte, die Regierung wolle Inishbofin (und auch Inishark) aufgeben, so wie einmal die Blasket Islands und andere aufgegeben wurden. Doch die Inselbewohner kämpfen, obwohl schon viele gegangen sind, nicht weil ihnen woanders die Lebensbedingungen besser gefallen, sondern weil ihre ureigenen Lebensbedingungen auf Inishbofin durch das von Gott gegebene, alleingültige und selig machende kapitalistische Wirtschaftssystem zerstört wurden. Lieber Heinrich, so war es zu deinen Lebzeiten und so ist es auch heute noch, obwohl man damals in Deutschland vom rheinischen Kapitalismus sprach, der ein wenig sozialer und nachgiebiger zu sein schien als der echte, der Raubtierkapitalismus. Aber damals drohte das Korrektiv des real existierenden Sozialismus und man wollte zeigen, dass man die Bevölkerung auch im Kapitalismus ruhig halten konnte. Man bestach sie mit Autos und Fernsehern, Waschmaschinen und Pseudofreiheiten.

Der Zauber ist vorbei

Lieber Heinrich, hoffentlich langweile ich dich nicht mit diesen sachlichen Angaben, aber es gehört dazu und ich bin gerade so schön in Gang (Ilse ist nicht da, um mich zu bremsen). Noch ist die Arbeitslosenrate in Irland im europäischen Vergleich niedrig, sie liegt bei etwa fünf Prozent, aber zunehmend machen sich die Investoren aus dem Staub, was sich in den nächsten Jahren auswirken wird. Der derzeitige Taoiseach, Regierungschef Bertie Ahern, spricht von einer kurzen Durststrecke, aber wir wissen ja, was derlei Gerede bedeutet, und zuletzt hat er gesagt, ein Tigerlein sei immer noch besser als gar keiner. Oh, du mein Kelte! Der Topf mit dem Zaubertrank ist leer. Und überhaupt kommen zur Zeit manche Leute auf Ideen, die uns nur den Kopf schütteln lassen. Wir haben zwar kein Auto mehr, auf dem ein irisches Kleeblatt prangt wie 1977 (wir haben schon lange überhaupt kein eigenes mehr, doch das nur nebenbei), aber ich könnte glatt wieder ein shamrock aufmalen, weil die irische Tourismusbehörde aus Werbegründen das grüne Ding abschaffen will! Es ist ihnen nicht mehr zeitgemäß genug. Ebenso ergeht es der Harfe, den Eselskarren und den strohgedeckten Hütten. Nun, dass es jetzt bessere Häuser gibt und weniger Krankheiten ist eine gute Sache. Aber die Harfe? Die ist doch aus der Musik nicht wegzudenken und außerdem ein Guinness-Emblem, und ein paar kluge Esel sollte man sich verwahren, wenn der Torf einmal alle ist und das Benzin nicht mehr bezahlbar. Doch gibt es bereits Widerstand durch die Gruppe S.O.S. (Save Our Shamrock). Die neuen Leader des Landes haben wohl vergessen, dass in Irland das Boykottieren und vielleicht auch das Lynchen erfunden wurde. „Wer heute ein ,Irisches Tagebuch’ verfassen würde“, schreibt Peter Nonnenmacher, „der müsste von Dublins neuen Cafés berichten, vom Ende der Tabus in der irischen Politik, von Kondomläden und von Schwulenclubs, von Kleinfamilien und Karrierefrauen, von einer Feministen-Präsidentin namens Mary Robinson, von Eurovision und Euro-Subvention, von Kerrygold und Riverdance…“. Von Mary Robinson, die dann zur UNO ging, hatte ich dir schon 1996 berichtet. Aber noch nicht von der Fluggesellschaft Ryanair, möchte ich hinzufügen, die vom aufgegebenen Militärflugplatz Hahn bei Frankfurt für manchmal neun Euro oder sogar für einige Passagiere kostenlos nach Dublin und anderswohin fliegt. Das ist natürlich pervers, aber unser System lässt das zu, und die Umwelt interessiert nicht. Bis auch hier vielleicht Hurrikane und Tornados entstehen wie in den USA, die uns Hören und Sehen vergehen lassen. Windiger geworden ist es schon, inzwischen gibt es immer öfter im Mai oder im Juli Stürme, die viele Bäume umstürzen lassen, weil sie mit ihren Blättern größeren Widerstand leisten. Im Herbst würden sie solche Stürme überstehen. Wer nicht hören will, muss fühlen, hat man uns früher gelehrt. Ja, das Bildungsniveau in Irland ist stark angestiegen, das Land hat sich von einer Agrargesellschaft in eine urbane gewandelt, mit Wohlstand für einige, längst nicht für alle, mit Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit (trotz Arbeit!), mit Drogenmissbrauch und sozialem Verfall.

Aber auch die Kultur hat sich bei diesem ,gewitzten Völkchen’, wie mal jemand gesagt hat, weiter entwickelt. Warum sollte sie auch nicht. Junge irische Autoren und Autorinnen schreiben längst nicht mehr nur über Irland, der Dichter Seamus Heany errang vor einigen Jahren den Literaturnobelpreis, der Schriftsteller Roddy Doyle schreibt ernste und auch locker-flockige Romane und Theaterstücke, aus denen auch Filme entstanden sind, die durchaus das ,Irische’, wie wir es kennen und lieben, aufzeigen. Diese irische Mentalität existiert weiterhin, und ich glaube, diese Gewitzten werden sich nicht unterkriegen lassen und ihre Identität bewahren – sie würden niemals die deutsche Sprache in dem Umfang annehmen, wie es zur Zeit bei uns mit dem Englischen geschieht, wenn zum Beispiel eine ganze Seite Werbung für eine Textilfirma nur in Englisch in der Zeitung erscheint, sogar mit Öffnungszeiten in a.m. und p.m., wobei ich sicher bin, dass weder die Kunden noch die Werbefritzen genau wissen, was das heißt und aus welcher Sprache es kommt. Wichtig ist, was David Quinn, Gründer und Direktor des Punchbag Theaters in Galway meint, dass es nämlich eine neue Generation gäbe, die erste liberale in Irland. Die erste, wenn man so wolle, frei geborene Generation, die nicht mehr alles daran messe, was Großbritannien tue, und die nicht mehr in der Angst vor der katholischen Kirche lebe. Damit haben die Iren zwei ziemlich schwere Pakete gestemmt, die ihnen bisher wie Klötze an den Beinen hingen. Ein Drahtseilakt zwischen Tradition und Moderne. Wir wollen es uns gefallen lassen, wenn sie bloß nicht alles abreißen oder abschaffen, was wir an diesem Land so lieben, denn wie Adorno in seinen Minima Moralia sagte, ist Modernität eine Sache der Qualität und nicht der Chronologie.

Die weiblichen Präsidentinnen

Was gibt es noch? Das letzte Torfkraftwerk in Bellacorick, Mayo, ging im Jahr 2005 vom Netz, dafür wurde dort schon 1992 Irlands erstes kommerzielles Windkraftwerk in Gang gesetzt. Und die irische Regierung kämpft seit Jahren, zuletzt sogar mit einer Klage vor der UNO, gegen die englische Atomschleuder Sellafield, die früher einmal Windscale hieß. Diese Verbrecher versauen die irische See und die ganze Welt mit Radioaktivität. Wesentlich mehr als es durch den GAU von Tschernobyl geschah. Da kann Tony Blair, dessen regierungsamtliche Tage wohl gezählt sind, so viel lachen wie er will. Zu vermelden habe ich noch, dass die schon erwähnte vormalige erste weibliche Präsidentin Irlands, die nachweislich ein Frau ist, Mary Robinson (inzwischen ist eine andere Frau Präsidentin geworden: Mary McAleese), von 1997 bis 2002 UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, auf Betreiben der USA ihr Amt vorzeitig an einen Brasilianer abgeben durfte. Sie hatte sich vehement gegen die Blockadehaltung der USA im Zusammenhang mit dem Internationalen Staatsgerichtshof eingesetzt und scharf die Einschränkung der Bürgerrechte in den USA kritisiert. Besser eine mutige Löwin als ein verschrecktes Tigerlein, kann man da nur sagen.

Lieber Heinrich, ich glaube, ich muss nun schließen, aber drei Sachen fallen mir noch ein. Kannst du dich daran erinnern, dass ich dir 1996 von einem Trecker mit wackelnden Vorderrädern und, unabhängig davon, von einer kleinen eisernen Brücke bei Killarney berichtet habe, die mit einem Holzbrett geflickt war? Nun, diese reparaturbedürftigen Trecker gibt es nicht mehr, stattdessen begegneten uns mächtige Traktoren von John Deere, erfreulicherweise immer noch grün lackiert, oder wuchtige Maschinen von Massey Ferguson, die mit halsbrecherischen Geschwindigkeiten durch die Dörfer brausen, sodass selbst die Hunde hinter jede erreichbare Mauerecke flüchten. Und hättest du geglaubt,  dass irische Bauern jemals mit äußerst eleganten Treckern de luxe mit abgerundeten windschnittigen Schnauzen der italienischen Firma Lamborghini, die sonst Sportwagen baut, unterwegs sein würden oder dass es solche Fahrzeuge überhaupt je geben würde? Tempora mutantur, das Brückchen haben wir nach zehn Jahren erneut begutachten können: die schmale Überführung mit ihren ziselierten Eisengeländern war perfekt geteert, parallel dazu eine neue, breitere Betonbrücke im Bau, die sich mit einem eleganten Schwung über das Flüsschen schwingen wird. Natürlich gut brauchbar für Autos. Die Zeiten sind so. Apropos Autos. Da fallen mir doch glatt die Schafe ein und ihre Repräsentanz auf den Straßen. Natürlich liegen sie in den ländlichen Gebieten weiterhin am Rand der Wege auf dem warmen Asphalt. Aber auch sie haben sich emanzipiert und urbanisiert, wie die Soziologen sagen. In Kilcar trotteten eines frühen Nachmittags zwei mutige Ausgaben dieser Spezies einträchtig nebeneinander die mainstreet hinunter, als sei das trotz Autoverkehr hier selbstverständlich und immer so. Im Gegensatz zu den Autos benutzten sie die Mitte der Straße.

Uns hat es dieses Mal wiederum gut gefallen in dem Land da oben links außen, beim keltischen Tigerlein, denn die Menschen bleiben Menschen, auch wenn es mühsam ist, mit dem Auto oder der Eisenbahn und den Fahrrädern dorthin zu gelangen, aber damit berichte ich dir nichts Neues. Eine deiner schönsten Erzählungen handelt von eurer ersten Eisenbahnfahrt durch Irland, und kaum irgendwo anders erkennt man so viel von der irischen Eigenart wie in dieser Geschichte. Es grüßen dich und werden dich nie vergessen

U.S. und I.S.

Dritter Brief an Heinrich Böll

aus:

Ulrich Straeter: In Irland – Reiseerzählungen

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Ilse Straeter

Nachwort: Jürgen Lodemann

ISBN 978-3-929219-27-2

ARKA Verlag, Essen, 2008

10,– Euro

Sonderangebot aus Solidarität mit Inishbofin:

Ulrich Straeter

In Irland, Reise-Erzählungen

Umschlaggestaltung, Frontisspiz und viele Illustrationen: Ilse Straeter

Nachwort: Jürgen Lodemann

360 Seiten, ursprünglich 19,80 Euro, jetzt: 10,– Euro einschl. Versandkosten.

Bestellungen an: straeter-kunst@t-online.de

http://www.straeter-kunst.de

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