Mittwoch, 25. November 2020

Lenin zum Gruß

Genossinnen und Genossen, das Warten hat ein Ende: Lenin hat Gelsenkirchen erreicht. Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands enthüllte am 20. Juni 2020 eine Statue des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin. Die erste Leninstatue Westdeutschlands! Das ist progressiv, das polarisiert, das schmeckt nicht jedem.

So ein Vorhaben ruft rasch die konterrevolutionären Kräfte auf den Plan, diesmal zuerst in Gestalt der Gelsenkirchener Stadtverwaltung. Doch die stand bei allen Machtbefugnissen vor einem Problem. Wie soll man verhindern, was ansonsten jedem Insassen der Stadt zugestanden wird?

Jeder darf sich doch den Krempel in den Vorgarten stellen, der ihm etwas sagt. Irgendein Figürchen, ein Gartenzwerg oder eine Buddhastatue im Kiesbett wird ihn beim Anblick erinnern: „So wie die Dinge stehen, ist alles gut, mein Freund!“ Denn gerade in der Vorgartengestaltung darf der Gelsenkirchener sich zu jenem Pluralismus der Lebensentwürfe bekennen, der das Auge schlägt: Hier gibt es nicht nur arm, sondern auch reich! Ja, es herrscht eben Vielfalt rundum! Auch im Vorgarten! Gerade da!

Da die pluralistische Wimmel-Wammelei (Gelsenkirchener Barock!) auf der einen Seite gewünscht ist, auf der anderen Seite eine weitere Figur wie Lenin („Gleichmacher!“) die Sammlung aber irgendwie zu zerstören drohte, griff die Stadt zum perfidesten Instrument der Unterdrückung: dem Denkmalschutz.

Die Statue Lenins, klagte die Stadt, verdecke den Blick auf die ehemalige Sparkassenfiliale. Das ist nicht erbaulich! Das ist nicht rechtens! Liebes Gericht, prüf das mal! Aber das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und das Oberverwaltungsgericht Münster konnten in ihrem unendlich weisen Ratschluss nichts Unrechtmäßiges ausmachen und ließen die Stadt Gelsenkirchen abblitzen.

Dass dieses Denkmal aufgestellt wird, sei schwer zu ertragen, aber man müsse jetzt mit der Situation umgehen, kommentierte der Oberbürgermeister Baranowski (SPD). Gelsenkirchens quietschlebendige Kulturszene soll daher noch um ein Kommunismus-Museum gegenüber der Parteizentrale der MLPD ergänzt werden. Gute Idee, aber vielleicht etwas spät…

Und was weiter? Ach ja, die Gestalten, die uns eben noch im Vorgarten begegneten, tauchten am Tag der Enthüllung wieder am Rande des Geschehens auf. Die Jungen Liberalen machten mit ihren schmalen Figürchen wie immer einen gepflegt braven, weitestgehend harmlosen Eindruck. Und der Rest der Gegendemonstranten konnte spontan nicht von Gartenzwergen und wohlgenährten Buddhas unterschieden werden.

Das Lächeln auf den Gesichtern fehlte ihnen jedoch allen: Die Bewegung „NRW stellt sich quer“ schwenkte die Fahnen der Republik, eine Handvoll Männlein der AfD protestierten für „Freiheit statt Sozialismus“ (Strauß Anno Zwiebel) und ein Grüppchen deutschnationaler Klöpse gröhlte abwechselnd „Lüge!“ und „Halt´s Maul!“. Derweil wurden von den Veranstaltern Reden geschwungen, die vor Allem die bescheidenen Wohn- und Einkommensverhältnisse Lenins betonten. Macht man so den Leuten den Kommunismus schmackhaft? Ich weiß es nicht. Die Gelsenkirchener, so die Vorsitzende der MLPD Gabi Fechtner, dürfen sich von nun an aber auf jeden Fall darauf freuen, dass Lenin sie von niedrigem Sockel aus (!) auf Augenhöhe (!) fröhlich grüße, wenn sie zum Arbeiten (!) oder zum Einkaufen (!) gingen. Wir sind entzückt!

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