Dienstag, 2. Juni 2020

Männerwelten: In 15 Minuten zum Feminismus?

In einem 15-minütigen Beitrag auf ProSieben durften Joko und Klaas machen, was sie wollten. In der Show „Joko und Klaas gegen ProSieben“ erspielten sie sich die Sendezeit zur Primetime. Wie bereits 2019 nutzen sie die Zeit nicht für Herumwitzeln, sondern stellten diese Menschen zur Verfügung, die etwas zu sagen haben.

Vor einem Jahr waren das Pia Klemp, Kapitänin auf der nun beschlagnahmten „Iuventa“, der Berliner Obdachlosenhelfer Dieter Puhl und die antifaschistische Aktivistin Birgit Lohmeyer. Es waren eindrucksvolle Geschichten, die diese drei Menschen zu berichten hatten. Dieses Jahr führte die Journalistin und Moderatorin Sophie Passmann durch die 15 Minuten. In der Ausstellung „Männerwelten“ zeigen sie und andere Frauen, was Alltag ist, aber trotzdem für viele eine unbekannte Welt.

Von Dickpics und sexistischen Kommentaren auf Social Media über Erfahrungen sexueller Belästigung bis hin zur Sammlung der University of Kansas, die Kleidungsstücke beinhaltet, die Frauen trugen, als sie Opfer einer Vergewaltigung wurden. Es treten ausschließlich Frauen auf, die 15 Minuten gehören ausschließlich ihnen. Prime Time für den Feminismus, eine gute Sache, nicht wahr?

Ja, schon irgendwie. Aber es bleibt Luft nach oben. Die 15 Minuten sind eine Schocktherapie für all jene, die noch nie die schreckliche Erfahrung einer sexuellen Belästigung machen mussten. Und das war es eigentlich auch schon mehr oder weniger. Die vielen Facetten, die Feminismus ausmachen, kommen kaum vor.

Strukturelle Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt trifft zum Beispiel Frauen, deren Namen nicht als deutsch angesehen werden oder die ein Kopftuch tragen, noch stärker als Frauen, die als deutsch gelesen werden. Das zeigen auch zahlreiche Studien, etwa der Universität Linz und des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit. Bis zu viermal mehr Bewerbungsschreiben müssen Frauen mit Kopftuch oder „nicht deutschem“ Namen schreiben: Sexistische und rassistische Diskriminierung gehen Hand in Hand.

Ein weiterer Punkt ist, dass reiche Frauen sich häufig besser zur Wehr setzen können, als finanziell schlechter gestellte Frauen. Taylor Swift klagte gegen einen Radiomoderator, der sie sexuell belästigte, und gewann 2017. Einem Popstar wie ihr steht jedoch mehr Geld für Anwält*innen zur Verfügung als zum Beispiel einer prekär beschäftigten Reinigungskraft. Und selbst dann sind Prozesse oftmals sehr belastend: Es gab mehrere Zeugenaussagen und sogar Fotos von der Tat, dennoch beschrieb Swift den Gerichtsprozess als „entmenschlichend“.

In Deutschland sieht die Situation kaum besser aus. Von zehn Vergewaltigungen wird nur eine zur Anzeige gebracht und in den daraus folgenden Prozessen gibt es in nur etwa 7,5% eine Verurteilung. Das heißt, dass nur ein sehr geringer Teil der Täter tatsächlich bestraft wird. Mehr als 99% der Täter kommen ungestraft davon.

Auch Women of Colour, Sexarbeiter*innen und Transpersonen sind überproportional oft von sexualisierter Gewalt betroffen. Sie wurden in den 15 Minuten nicht erwähnt, was aber auch nicht verwunderlich ist. Die Organisation Terre des femmes, die den Beitrag mit unterstützt hat, positioniert sich grundsätzlich gegen Sexarbeit und will minderjährigen Mädchen das Tragen eines Kopftuchs verbieten.

Es fehlt eine tiefergehende Analyse dessen, was Diskriminierung ausmacht. Es ist die Kombination von Merkmalen, die spezifische Diskriminierungsmuster erzeugen. Unsere Diskriminierungserfahrungen sind so vielfältig, wie wir als Gesellschaft vielfältig sind.

Natürlich war Männerwelten nur ein 15-minütiger Beitrag. Für Feminist*innen, die sich schon lange mit diesen Themen beschäftigen, gab es keine neuen Erkenntnisse. Aber das macht ihn noch nicht zu einem per se schlechten Beitrag. Es ist ein Einstieg, eine Schocktherapie eben. Es öffnet die Tür für mehr Diskurse.

Und ich habe großes Vertrauen in Feminist*innen, sich die Bühne zu nehmen, mehr zu erklären und dafür zu kämpfen, dass wir bald in einer gerechteren Welt leben. Und dass wir nicht auf die Gunst zweier Männer angewiesen sind, die 15 Minuten Prime Time erst erspielen zu müssen.

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