Sonntag, 29. März 2020

System Change, not Climate Change

System Change, not Climate Change. Immer wieder hat man diese Forderung in den letzten Monaten gehört. Warum aber wird ein Systemwechsel gefordert und warum scheint dieser als Voraussetzung des Klimaschutzes zu gelten?

Dass wir kaum noch Zeit für den radikalen Umbruch unserer Gesellschaft haben, ist hinlänglich bekannt. Politik und Wirtschaft wollen aber den Kapitalismus klimafreundlich neudenken. Der sogenannte „grüne Kapitalismus“ setzt auf energieeffiziente Produktionsweisen und Produkte. Elektroautos, Bambusbecher, diverse Elektrogeräte und ganz neu: E-Scooter. Alle diese Innovationen sollen das Klima retten. Dabei reicht schon ein kleiner Blick unter die Oberfläche: Wie sollen die E-Scooter die CO2-Bilanz verbessern, wenn sie nicht den Auto-, sondern den Fuß- und Radverkehr ersetzen? 

Die Märkte werden massenhaft mit neuen Produkten bedient, deren Produktion riesige Mengen an Emissionen mit sich zieht, dazu noch Strom verbraucht zur Nutzung, und dann absurderweise eine vollkommen emissionsfreie Fortbewegungsart ersetzt. Das nennt man „Greenwashing“. Produkte werden „grün gewaschen“, also als umweltfreundlich beworben, obwohl sie das gar nicht sind. Ähnliches gilt für das Elektroauto, dessen Herstellung so viel CO2 ausstößt und Wasser verbraucht, dass es erst deutlich über 100.000 Kilometer gefahren werden muss, bevor es so „grün“ ist wie ein konventioneller Pkw.

Dazu kommt der Rebound-Effekt. Ein aus der Psychologie stammendes Phänomen, das wie für Energieverbrauch geschaffen zu sein scheint. Es besagt, dass Geräte, die weniger Energie verbrauchen, öfter benutzt werden, da man sich über deren Energieeffizienz bewusst ist. Somit würde die Energieeinsparung letztlich geschwächt. 

Eine beliebte Forderung aus der Politik ist die CO2-Steuer. Der Gedanke dahinter: Wem sein Geldbeutel schmerzt, der verbraucht weniger. Aber funktioniert das? Laut Weltbank hatten bis vergangenem Jahr 56 Staaten Varianten einer CO2-Steuer eingeführt oder dies geplant. Es gibt also schon weitreichende internationale Erfahrungen. Zieht man Statistiken der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) zu Rate und vergleicht die Entwicklung der Länder, die eine CO2-Steuer eingeführt haben, mit denen, die dies nicht taten, so ist klar erkennbar, dass die CO2-Steuer keine spürbaren Auswirkungen hatte. 

Wir halten fest: Uns bleibt kaum Zeit, um den Klimawandel zu meistern, das aktuelle System verlangsamt aber den Klimaschutz. Wieso scheinen also alle Ansätze innerhalb des Systems zu scheitern?

Das System ist das Problem

All diese Ansätze haben eins gemein: Die Verantwortung der Konsumenten wird in den Vordergrund geschoben. Laut Berechnungen des Global Carbon Projects fallen allerdings 89% aller Emissionen bei der Energiegewinnung und der Industrie an, also bei den Unternehmen. Ziehen wir noch ein Zitat von Milton Friedman, einem der größten Verfechter des freien Marktes hinzu: „The only corporate social responsibility a company has is to maximize its profits“. Dies gilt natürlich auch für die Umwelt. Unternehmen haben also gar kein Interesse am Klimaschutz, im Zweifelsfall wird dieser sogar vorgetäuscht, um größere Profite zu machen!

Blicken wir nun auf unser Wirtschaftssystem. Dieses ist auf stetiges Wachstum ausgerichtet. Dass dies nicht möglich ist, war auch schon Wirtschaftswissenschaftlern des letzten Jahrtausends bewusst. So z.B. Kenneth Ewart Boulding: „Anyone who believes that exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist“. Es ist also vollkommen klar, dass die Erde sich mit der aktuellen Produktionsweise nicht erhalten lässt. Demnach müssen Klimaschutz und Antikapitalismus Hand in Hand gehen.

Marxistische Perspektive

Dieser Zusammenhang wird durch eine marxistische Analyse deutlich: Marx betrachtete Produktion als Arbeit des Menschen an der Natur. „Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber“ (Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 192).

Dies wird allerdings durch den Kapitalismus verhindert, da ihm das Privateigentum an Produktionsmitteln immanent ist. Die Möglichkeit, die Natur zum eigenen Nutzen zu formen, ist also nur wenigen Personen möglich. Diese produzieren mit dem Ziel, den Profit zu maximieren und Konkurrenten auszustechen. Ob es den Arbeiterinnen und Arbeitern gut geht oder die Natur irreversibel beschädigt wird, spielt in erster Konsequenz keine Rolle. Dies schien schon Marx irrsinnig: „Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation [also vom Sozialismus aus] wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen, wie das Privateigentum eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst die ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht die Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer und haben sie (…) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ (Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 782).

Wie würden also Ansätze eines anderen Systems aussehen? Marx redet über den Begriff des Reichtums: „Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts.“, d.h. der wahre Reichtum ist „disposable time“, freie Zeit für ihre Entwicklung [also die Entwicklung des Menschen].“ (Theorien über den Mehrwert, MEW 26.3, S. 251 f.).

Unser technologischer Fortschritt würde es schon längst ermöglichen die Arbeitszeit weitgehend zu reduzieren. Im Kapitalismus führt dieser Fortschritt jedoch zu steigender Arbeitslosigkeit, in einem anderen System hingegen zu mehr Freiheiten und Annehmlichkeiten. 

Ein weiterer Ansatz wäre eine Wirtschaftsordnung, die von unten nach oben gerichtet ist. Die Menschen könnten sich lokal zusammensetzen (ob tatsächliche Treffen oder über einen Algorithmus) und gemeinsam die eigenen Bedürfnisse ausarbeiten. Dies führt zu einem Wirtschaftswechsel von einer Profit- zu einer Bedarfsorientierung.

Der Systemwechsel wird also gefordert, weil das aktuelle System bewusst und unbewusst dem Klimakampf entgegenwirkt. Dabei ist ein anderes System nicht nur denkbar, sondern auch durchführbar, nämlich als ein solches, das Natur und Mensch ins Zentrum setzt und so eine Win-Win-Situation für alle erzeugt. Außer vielleicht für Superreiche. Aber ist deren Konzept nicht schon längst überholt?

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