Donnerstag, 24. September 2020

Fahrpreiserhöhungen beim VRR und bei der Ruhrbahn

Es ist unglaublich: 8000 Essener demonstrieren bei FFF für eine Energie- und Verkehrswende, es drohen Fahrverbote in Essen, auf der U-Bahn klebt der Spruch: „Mehr ÖPNV für alle“ – und der VRR und damit die Ruhrbahn erhöhen ihre Preise! Wenn etwas nicht in die Zeit passt, dann das!

Als ob man alle Fahrgäste – gestatten Sie den Ausdruck – verarschen will, preist sich die Ruhrbahn auf Plakaten und Straßenbahnen als Klimaretterin! Eine Fahrpreiserhöhung ist ein Schritt genau in die entgegengesetzte Richtung. Um Aktionen dagegen zu koordinieren, hat sich jetzt in Essen ein „Roter-Punkt-Komitee“ gegen Fahrpreiserhöhungen gebildet.

Man greift damit eine Tradition aus den 1970er Jahren wieder auf: Damals gingen Tausende auf die Straße, um gegen die Fahrpreiserhöhungen und – man glaubt es kaum – für den Nulltarif zu demonstrieren.

Bis zu drei Prozent sollen die Fahrpreise steigen! Insbesondere bei den Stammkunden! Was ist sonst noch geplant?? Auch die Messefahrpreise sollen abgeschafft werden: 80 Cent sind nicht zumutbar!

Was wir von vielen Großveranstaltungen kennen, nämlich dass die Eintrittskarte zur Nutzung des Öffentlichen Verkehrs berechtigt, gilt für alle Veranstaltungen der Stadttochter Messe Essen fortan nicht mehr. Ruhrbahn und Messe Essen konnten sich nicht auf eine Fortsetzung der bisherigen vertraglichen Vereinbarungen verständigen. Wer also künftig eine Messe in Rüttenscheid besucht, muss den vollen Betrag für die Nutzung von Bussen und Bahnen zahlen … oder er kommt mit dem Auto. 1,5 Millionen Menschen besuchen nach Eigenaussage jährlich Veranstaltungen der Messe. Man stelle sich den Beitrag zu einer Verkehrswende vor, wenn die alle oder wenigstens überwiegend mit den Öffentlichen kämen, weil sie ohnehin schon dafür bezahlt haben und es auch viel bequemer ist.

Aber: Wir erleben ein weiteres Mal, wie die von allen ersehnte Verkehrswende zu Lasten der Nachbarn und aller betroffenen Menschen vertagt wird. Und das – so lässt sich die Messeleitung zitieren -, weil „der Messemarkt die Kosten nicht zulässt“. Mit anderen Worten, die Messe Essen ist sich nicht zu blöde zu behaupten, dass 80 Cent – das ist nach der Berichterstattung in der lokalen Presse der Preis, der von der Messe an die Ruhrbahn pro Ticket zu zahlen ist – dazu führen würden, dass Menschen nicht nach Essen zur Messe kämen, sondern anderswohin. Das ist für sich schon dämlich, weil Messen ja immer erst mal einmalige Ereignisse sind (und nicht wie Kaufhof oder Karstadt überall identische Sortimente haben). Außerdem liegt der Preis für eine Eintrittskarte meistens im zweistelligen Eurobereich. Vor allem aber erhöhen sich die objektiven Kosten für die Kunden drastisch, wenn sie fortan ihr Ruhrbahnticket gesondert kaufen müssen.

Die eigentliche Frechheit ist aber, dass damit ein weiterer Impuls gesetzt wird, mit dem Auto anzureisen, das dann nicht nur Schadstoffe ausstößt und die Straßen weiter belastet, sondern natürlich auch möglichst kostengünstig abgestellt werden will und so ein weiteres Mal zum Nachteil der Menschen gereicht, die in der größeren Nachbarschaft wohnen.

Richtig wäre es, wenn die Stadt ihrer Tochter sagen würde, dass sie den Beitrag zur Verkehrswende zu leisten habe, den sie leisten kann. In anderen Städten funktioniert das längst sehr gut. In Köln z.B. ist nicht nur das Ticket der KVB, sondern gleich des ganzen Verkehrsverbundes (VRS) im Ticketpreis enthalten. Die Stadt Essen macht sich ein weiteres Mal unglaubwürdig, wenn sie es ihrer Tochter einfach so durchgehen lässt, dass sie ihre behauptete Marktposition auf Kosten der Menschen in Essen und Rüttenscheid verbessern will.

In fünf Jahren zum fahrscheinlosen Nahverkehr

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung (71 Prozent) wollen einen kostenfreien Nahverkehr. Das ist nicht nur aus sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Gründen sinnvoll, sondern auch in fünf Jahren machbar und gerecht finanzierbar. Dafür müsste die Bundesregierung pro Jahr circa 15 Milliarden Euro investieren, um die Einnahmeausfälle durch den fahrscheinlosen Nahverkehr zu kompensieren, aber vor allem, um das Bus- und Bahnnetz auszubauen. Refinanzieren könnte man dies alleine durch die Abschaffung jeglicher Dieselprivilegien, die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs sowie einer Sonderabgabe der Autoindustrie für fünf Jahre.

Was würde das für Essen bedeuten?

Wir müssen die Straßenbahn in jede Ecke der Stadt führen. Auch Stadtteile wie Haarzopf, Freisenbruch, Vogelheim oder Schonnebeck brauchen eine direkte Anbindung. Warum Straßenbahn und nicht Bus oder U-Bahn? Weil die Straßenbahn, wenn einmal gebaut, ökologischer, bequemer und pünktlicher fährt als ein Bus. Und weil die Straßenbahn im Unterhalt und Ausbau deutlich günstiger ist als U-Bahnen. Daneben bräuchte Essen mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Ringbahnen, die es den Essener*innen ermöglichen würde, direkt in benachbarte Stadtteile zu fahren, ohne einen Umweg über die Innenstadt fahren zu müssen.

Neben dem Ausbau von Strecken muss die Taktzeit erhöht werden. Tagsüber muss alle fünf Minuten ein Bus oder eine Bahn fahren – auch in den Außenbereichen, wo heute besonders oft der PKW-Verkehr entsteht, der die Innenstadtbereiche belastet. Und abends muss die Bahn häufiger fahren: eine Großstadt, in der die Straßenbahnen ab 21 Uhr nur noch alle 30 Minuten fahren (und ab 23.00 oder spätestens 24.00 Uhr überhaupt nicht mehr), ist keine Großstadt und vor allem ist es kein Anreiz, vom Auto auf die Schiene umzusteigen, ganz im Gegenteil. Vor allem nicht für Menschen, die im Schichtdienst oder Einzelhandel arbeiten, der nicht erst seit gestern Öffnungszeiten bis 20 Uhr und länger hat.

Und wir müssen uns den Platz vom Auto zurückholen: Umweltspuren für Wasserstoff-Busse und breite, abgetrennte Radwege müssen das Bahnnetz ergänzen. Durch den Ausbau von erneuerbaren Energien wären Bus und Bahn sogar klimaneutral zu betreiben. Doch die GroKo geht es nicht an. Vielleicht, weil viele der Ratsherren und der leitenden Verwaltung lieber die Diesellimousine fährt? Stattdessen hängt die Stadt Essen noch immer in den 1970er Jahren fest, wo SPD und CDU die Zukunft in der „Stadt für Autos“ sahen.

Die Stadt Essen hat in ihrem „Handlungskonzept Modal-Split 2035“ wenige ehrgeizige Ziele für den Nahverkehr entwickelt. Der Takt soll verdichtet werden, Rad und Nahverkehr zusammen gedacht werden und überhaupt soll mehr Geld in Bus und Bahn fließen, aber: alles steht unter Finanzierungsvorbehalt und die Ideen greifen zu langsam. Wenn wir den Klimawandel aufhalten wollen und gleichzeitig gute Mobilität gewährleisten möchten, muss der Ausbau von Bus- und Bahnstrecken, sowie von Radwegen mit hoher Qualität, deutlich schneller von statten gehen.

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