Mittwoch, 23. September 2020

Ökologie und Klassenkampf

von Patrick Münch

Foto: Brian A Jackson/Shutterstock.com

Die Menschheit ist in ein neues Zeitalter eingetreten, das Anthropozän, die vom Menschen beeinflusste natürliche Umwelt. Glaubt man den Schlussfolgerungen der beiden Biologen Paul und Anne Ehrlich, dann könnte es das letzte Zeitalter sein, in welchem Menschen als Art auf der Erde vertreten sind.

Zumindest sehen die beiden Wissenschaftler wenige Chancen, dass die Katastrophe abgewendet werden kann. In ihrer Studie „Can a collapse of global civilization be avoided?“ kommen sie zu dem Schluss, die meisten Menschen könnten die Gefahren einfach nicht erkennen. Dabei seien die Anzeichen überall zu sehen.1

Die Veränderungen der natürlichen Umwelt haben ein Ausmaß angenommen, das katastrophale Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft immer wahrscheinlicher macht. Nicht nur die Erwärmung der Atmosphäre, der Klimawandel, mit allen Folgen wie Ernteausfällen, daraus resultierenden Hungerkatastrophen und Flüchtlingsbewegungen, sondern auch wesentliche andere Tatsachen sind Teil der Entwicklungen.

Dazu gehören an erster Stelle das Artensterben, also der Verlust von Biodiversität, und der Input von Stickstoff und Phosphor in die Biosphäre und die Ozeane.2 Heute freue ich mich über jede Wespe, Biene oder Hummel, die ich sehe, weil ich weiß, dass es manche Art schon bald nicht mehr geben wird. Schon heute hören wir weitaus weniger Vögel singen als zu unserer Kinderzeit. Die Welt ist ärmer geworden.

Lösungsansätze

Tatsächlich gibt es verschiedene Ansätze, wie diesen Entwicklungen zu begegnen ist. Der Ansatz des „grünen Kapitalismus“ (Green Economy, Green New Deal) läuft darauf hinaus, innerhalb des kapitalistischen Systems eine Lösung der Probleme anzustreben. Dabei werden die Grundprinzipien des Wirtschaftssystems nicht angetastet. Weder wird das Prinzip der Profitmaximierung in Frage gestellt, noch werden Alternativen zur herrschenden Eigentumsordnung gedacht. Alles soll so bleiben wie es ist, nur in grün. Aber es gibt keinen grünen Kapitalismus.

Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren vorrangigsten Ziele die Maximierung des kurzfristigen Profits sowie die Privatisierung allen Eigentums sind, in der Lage ist, den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.

Darauf weist Richard Smith vom Institute for Policy Research & Development in London ausdrücklich hin und fordert für eine lebenswerte Zukunft den Aufbau einer ökosozialistischen Zivilisation.3 Das würde allerdings einen dramatischen Umbau des vorherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells bedeuten.

Einem solchen Umbau stehen jedoch mächtige Interessen im Wege. Nicht zuletzt ist es allerdings das Denken der Mehrheit in freien demokratischen Gesellschaften, das paradoxerweise vernünftige Lösungsansätze verhindert.

Das doktrinäre System im Parlamentarismus

Wir wurden im doktrinären System dazu erzogen, in unserem Denken immer sorgsam abzuwägen. Schließlich, so brachte man uns bei, gibt es ja zu jeder Meinung eine Gegenmeinung. Nach einer vernünftigen Diskussion findet man dann einen Kompromiss. In einem solchen Denkmuster kann es keine Ausbeutung geben sondern vielmehr eine Sozialpartnerschaft.

Auch kann man nicht sagen, dass mächtige Staaten andere überfallen und unterdrücken, das heißt humanitäre Intervention. Genauso wenig kann man deutlich machen, dass die Folgen unseres Wirtschaftens die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören.

Eine solche Aussage zu treffen, das heißt, den doktrinären Rahmen zu sprengen, und darauf steht die Strafe des Ausschlusses aus dem Kreis der Vernünftigen, die immer zu einem ausgewogenen Urteil finden.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist verknüpft mit einem Regierungssystem, das auf parlamentarischer Basis die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit absichert.

Durch ein ausgeklügeltes System der Gewaltenteilung ist es den Herrschenden in einer Demokratie ohne Anwendung von Gewalt möglich, die Mehrheit der Bevölkerung zu kontrollieren und sicherzustellen, dass wichtige Institutionen immer mit dem eigenen Dienstpersonal besetzt werden.

Damit ist der Parlamentarismus strukturell antidemokratisch. Um die Illusion einer gerechten Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten ist allerdings ein ausgefeiltes Indoktrinationssystem nötig.

Dieses System ist institutionalisiert durch Schule und Ausbildung, Medien, Behörden und Ämter, Politik, aber auch wirksam durch Intellektuelle und Literatur sowie durch Propaganda und ihr kommerzielles Gegenstück, Werbung bzw. Public-Relations.

Logik des Systems und Alternativen

Das kapitalistische System mit seiner Maxime der Profitmaximierung wird gemäß seiner Logik dazu führen, die Klimakatastrophe und andere katastrophale Entwicklungen weiter zu verschärfen.4

Innerhalb der Logik des Systems hat immer der Profit Vorrang vor vernünftigen Entscheidungen, die den Katastrophen entgegenwirken könnten. Wenn man vernünftige Lösungen anstreben will, muss man das System grundsätzlich umwälzen.

Im parlamentarischen Rahmen ist es meines Erachtens allerdings nicht möglich, eine Mehrheit für eine Änderung des Wirtschaftssystems zu erreichen, denn wirtschaftliche Macht übt einen zu großen Einfluss auf politische Entscheidungen aus.

Wir alle tragen aber die Verantwortung, unsere Erde den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.5 Wenn wir erkennen, dass der Parlamentarismus in eine Phase der Postdemokratie eingetreten ist, dann heißt die Konsequenz daraus, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Belange nicht weiter an gewählte Vertreter abgeben können.

Deshalb müssen Alternativen oder zumindest Ergänzungen zum parlamentarischen System gedacht werden. Hier darf es keine Denkverbote geben! Eine denkbare Möglichkeit für die Zukunft wäre eine Organisation auf der Basis einer Rätedemokratie, wobei alle Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Menschen leben und arbeiten.

Die Eigentumsordnung darf nicht tabu sein! Das Eigentum an Unternehmen sollte grundsätzlich bei denen liegen, die in diesen Unternehmen arbeiten. Sie treffen die Entscheidungen und ihnen gehört der erwirtschaftete Gewinn.

Andere Formen des Wirtschaftens sind denkbar und möglich! Bereits heute gibt es viele Unternehmen, die von den dort arbeitenden Menschen geführt werden.6

1Ehrlich PR, Ehrlich AH. 2013 Can a collapse of global civilization be avoided? Proc R Soc B 280: 20122845. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2012.2845

2 https://www.stockholmresilience.org/

3 Richard Smith, “Capitalism and the destruction of life on Earth: six theses on saving the humans”, real-world economics review, issue no. 64, 2 July 2013, pp. 125-151, http://www.paecon.net/PAEReview/

4 http://monthlyreview.org/2013/09/01/fossil-fuels-war

5 Engels, Friedrich; Naturbeherrschung. Kurzsichtigkeit hinsichtlich der ferneren Auswirkung der Naturbearbeitung bei lediglich betriebswirtschaftlicher Kalkulation; Studienausgabe in 5 Bänden; Band V; Prognose und Utopie; Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH; Berlin; 2004; S. 192

6 https://www.democracyatwork.info/

1 thought on “Ökologie und Klassenkampf

  1. Kommentar zu Patrick Münch: Ökologie und Klassenkampf

    So richtig und wichtig die Erkenntnisse der beiden genannten Wissenschaftler, Paul und Anne Ehrlich, sind, neu sind sie nicht. Ein sehr gutes, ruhiges und überzeugendes Buch von Lorus J. und Margery Milne erschien 1960 im Original zunächst als „The Ballance of Nature“ im Verlag Alfred A. Knopf, New York. In der Bundesrepublik Deutschland erschien das Buch mit dem Titel „Das Gleichgewicht in der Natur“ beim Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin, im Jahr 1965.

    Alle unsere Erkenntnisse bis heute auf dem Gebiet der Ökologie wurden dort schon – weitgehend unbeachtet – vorweggenommen. Dass einige der Hauptschwierigkeiten möglicherweise am vorherrschenden Wirtschaftssystem liegen könnten, ergab sich fast automatisch aus den Forschungsergebnissen, ohne dass dies explizit erwähnt wurde.
    Patrick Münch verbindet in seinem Text die Bereiche Ökologie und Klassenkampf miteinander. Das war auf der linken Seite der politisch Aktiven in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhundert noch längst nicht so. Als wir 1981 als bis dahin passive Mitglieder des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.) in Essen eine Kreisgruppe gründeten, wurden wir von allen Seiten, von links (DKP) bis rechts (CDU) bekämpft. Auch die Gewerkschaften hatten wir gegen uns. Alle befürchteten, ja was eigentlich?, den Untergang des Abendlandes oder zumindest die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Da waren sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig, was sie zum Teil bis heute sind. So ist es erfreulich, dass sich die Haltung auch im politisch linken Bereich weitgehend geändert hat, sich ändern musste, denn die Fakten sprechen für sich. Vor einiger Zeit hat man sogar Hinweise bei Karl Marx auf diese Zusammenhänge entdeckt, die man vorher geflissentlich übersehen hatte.

    Ob die meisten Menschen diese Zusammenhänge – wir müssen in diesen Bereichen auf jeden Fall auch global denken – nicht sehen, vermag ich nicht zu beurteilen. Viele verdrängen die Erkenntnisse, viele denken, „für sie würde es noch reichen“. Aber viele Tausende in unserem Land und weltweit kämpfen für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und viele davon wissen, dass es nicht ohne Systemänderung gehen wird, bei Strafe des Untergangs.
    Allerdings wird es, wenn „es um die Wurst geht“, noch etliche Krieg geben; es gibt sie bereits heute, auch wenn sie von der Politik anders benannt werden.
    Dass es keinen „grünen Kapitalismus“ geben kann, sehe ich auch so. Ich weiß auch, dass BUND, Nabu und andere nicht angetreten sind, um das System zu verändern. Trotzdem verrichten sie bis dahin wichtige Arbeit, wobei sie vielleicht manchmal ungewollt und/oder aus politischer Dummheit zur Zementierung des Bestehenden beitragen. Doch retten sie vielleicht einige der Hummeln und Bienen, die der Autor so sehr liebt und vermisst, zum Beispiel durch das „Grüne Band“.

    Wenn das vorherrschende Gesellschaftssystem umgebaut werden soll, müssen wir neben dem „Westen“ natürlich auch Russland und China im Auge behalten.
    Viele Menschen bei uns, die unsere parlamentarische Pseudo-Demokratie gut finden,
    sind korrumpiert, weil es ihnen relativ gut geht. Warum sollen sie etwas ändern wollen? Das betrifft in erster Linie große Teile der Mittelschichten und die Oberschicht. Dass bei uns in Wirklichkeit keine Mehrheit herrscht, ist seit einiger Zeit offen erkennbar. In Wirklichkeit haben wir ein Art Oligarchie, die „Herrschaft einiger weniger“. Das sind hinter den Strohpuppen der Politik die großen Konzerne, die u. a.
    mit Hilfe ihrer Medien die Menschen ruhig halten.

    Was tun?
    Sehr häufig wird nur über das „Was“ diskutiert, weniger über das „Wie“. Wo die Probleme liegen, wissen wir überdeutlich, aber wie sie lösen? Da liegt der Gedanke an so etwas wie eine Rätedemokratie eigentlich nahe. Die Menschen müssen, „von unten nach oben“ oder auf gleicher Ebene über ihre Dinge mitbestimmen können. Es ständen dann auch viel mehr Wissenskapazitäten zur Verfügung, die jetzt brach liegen, weil sie nicht abgefragt werden.

    Da während der Existenz des Sozialismus viele Menschen bei uns wohl wirklich glaubten, im Sozialismus würde ihnen der Fernseher und der Kühlschrank weggenommen, weil kein „Eigentum“ mehr erlaubt sei, ist es an der Zeit, ihnen beizubringen, dass es um das Eigentum an den Produktionsmitteln geht und dass nicht mehr der Eigentümer die Arbeit nimmt, die er zu geben vorgibt und an der er hauptsächlich verdient. Es ist menschenunwürdig, dass bei Firmenschließungen die Arbeiter und Angestellten zum Arbeitsamt geschickt werden, während die Firmeneigentümer ihrem z. T. in Steueroasen deponierten Geld hinterherreisen.

    Dass die Menschen ihre eigenen Betriebe gut führen können, haben Beispiele
    wie die Uhrenfabrik Lips in Frankreich oder eine Zeche in Wales gezeigt, bei der
    vom Direktor bis zum Pförtner alle mit Erfolg um den aufgegebenen Betrieb mit Erfolg gekämpft haben.
    Und auch Kuba zeigt, trotz aller unnötigen Schwierigkeiten, die dem Land durch die USA und die EU bereitet werden, was geht!

    Ulrich Straeter, Essen

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