Montag, 25. Januar 2021
Autos im Stau

Stadtentwicklung: Kein Plan, kein Konzept, keine Idee

In unserer Stadt gibt es viel zu tun. Wir müssen uns heute Gedanken darüber machen, wie die Stadt morgen und übermorgen aussehen soll. Wir müssen die Weichen so stellen, dass die Stadt „zukunftsfähig“ wird. Das heißt, dass für alle Abteilungen in Politik und Verwaltung Konzepte zu entwickeln sind, die Antworten auf die großen Fragen der Zeit geben:

Wie schaffen wir es,

  • unsere Stadt für den stattfindenden Klimawandel zu wappnen?
  • die sich ändernden Flächenbedarfe und die daraus entstehenden Konkurrenzen zu organisieren?
  • die dringend benötigten leistbaren Wohnungen bereit zu stellen?
  • unsere Stadt auf dem Markt der Städte zu positionieren?
  • gute und dauerhafte Arbeitsplätze zu schaffen?
  • unsere Stadt für die Menschen, die hier leben, ganz grundsätzlich attraktiv, also lebenswert zu machen?
  • dafür zu sorgen, dass unsere Stadt auch sozial zusammenwächst?
  • unsere Stadt schön zu machen?
  • unsere Stadt so zu gestalten, dass sie für all die unterschiedlichen Menschen Angebote bereithält?

Das sind nur ein paar schnell formulierte Fragen, dutzende andere sind leicht vorstellbar. All diese Fragen haben gemeinsam, dass sie sich nicht von allein beantworten, sondern dass sie auf den Austausch, auf die Beteiligung möglichst vieler Menschen angewiesen sind – und darauf, dass sie in Verwaltungshandeln überführt und von der Politik thematisiert werden.

Wenn das nicht geschieht, geschieht, was geschieht: In Ermangelung eigener Konzepte oder Ideen muss den Vorstellungen der Investoren gefolgt werden, die mit ihren Projektideen an die Stadt herantreten und dabei – das liegt in der Natur der Sache – ihre eigenen Interessen in den Mittelpunkt stellen.

In Essen gibt es

  • kein Stadtentwicklungskonzept,
  • kein Konzept für die verschiedenen Quartiere,
  • kein Innenstadtkonzept (wenn man von den dürftigen Aussagen der Essen Marketing GmbH absieht),
  • kein Konzept zum Umgang mit dem baukulturellen Erbe,
  • kein Konzept zur Herstellung einer Stadtidentität,
  • kein Hochhauskonzept,
  • kein Verkehrskonzept, das diesen Namen im 21. Jahrhundert verdient,
  • keinen Gestaltungsbeirat usw.

Was es in Essen durchaus gibt, ist die große Bereitschaft, Investoren dankbar zu sein, wenn diese ein Projekt realisieren wollen. Deshalb sieht Essen inzwischen aus wie es aussieht. Was Krieg, großindustrielles Zeitalter und etablierte Parteien nicht kaputt gekriegt haben, wird aktuell auf dem Altar des „Drucks des Marktes“ zerstört. Überall entstehen immer gleiche Gebäude, die schon architektonisch außerordentlich dürftig sind, städtebaulich sowieso und hinsichtlich ihres Beitrags zur größer zu denkenden Stadtentwicklung komplett unausgewiesen sind.

Der tiefe Glauben an den Markt und das große Misstrauen gegenüber der Gestaltungsfähigkeit öffentlicher Instanzen in den bürgerlichen Parteien mündet in das Kaputtsparen eben dieser öffentlichen Instanzen. Stadtplanung und -entwicklung sind so de facto nicht mehr möglich. Die zu reklamierende Gestaltungspflicht kann nicht mehr umgesetzt werden. Daraus entsteht in einem sich selbst bestätigenden Zirkel schließlich auch der tatsächliche Verlust der Gestaltungsfähigkeit.

Das lässt sich ganz aktuell beispielhaft an verschiedenen Projekten darstellen: Die Bebauung an der Henri-Dunant-Straße erweist sich mit zunehmendem Baufortschritt als genau die städtebauliche Unerträglichkeit, die von den Kritiker:innen befürchtet wurde. Höchste Baumassen bei maximaler Versiegelung ohne erkennbare städtebauliche Figur und standardisierter Architektur verweisen auf den Städtebau der Vergangenheit. Der ehemalige Güterbahnhof Rüttenscheid präsentiert sich als allmählich volllaufende Brachfläche. Als neusten Coup hat die Hopf-Gruppe die Idee ausgeheckt, die schmale Westseite zwischen Girardethaus im Norden und Wittekindstraße im Süden mit hoher Dichte zu überplanen. Die Stadt gefällt sich in der Rolle der Herstellerin von Baurecht. Ein Bebauungsplan, der tatsächlich ein vorhabenbezogener Bebauungsplan ist, soll dem Investor Rechtssicherheit geben. Der größere und großzügigere Bereich im Osten dieses Vorhabens bleibt nicht nur staubig, sondern vor allem auch Parkplatz für PKW und LKW der Messe, die kurzerhand diesen Parkplatz in allerbester Lage als unverzichtbar für das Unternehmen erklärt. Kein Hinweis darauf, dass die Messe Essen eine 100-Prozent-Tochter der Stadt ist und sich schon deshalb übergeordneten Zielen zu beugen hätte (die es natürlich, siehe oben, nicht gibt). Auch keine Erinnerung daran, dass diese Fläche vor gerade mal zwölf Jahren als Standort für den Gesundheitscampus vorgesehen war, auf den sich Essen damals, letztlich erfolglos, beworben hatte. 28.000m² waren damals für diese Nutzung vorgesehen. Vergessen.

Was wir brauchen, ist eine Stadt, ist eine Verwaltung, die sich gemeinsam mit der Politik die Aufgabe auf die Fahnen schreibt, eine Zukunftsidee zu entwickeln, in die sich Einzelvorhaben einzuordnen haben. Dabei geht es nicht um die Behauptung einer illusionären Zukunft, sondern um die differenzierte Entwicklung von Zukunftsoptionen, die in enger Zusammenarbeit mit den Menschen in der Stadt zu erstellen sind. Niemand behauptet die Notwendigkeit einer monolithischen Planung – das wäre nichts weiter als der feuchte Traum eines Diktators. Worum es aber geht, ist die Anerkennung eines öffentlichen Interesses und die Bereitschaft, dieses Interesse auch durchzusetzen.

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